Wild auf Wein 2019- Erfahrungsbericht eines Nicht-Jägers von der Jagd

Ich war jagen. Zum allerersten Mal. Naja, eigentlich habe ich nur einen Jäger bei der Jagd begleitet. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt ganz am Anfang der Kette zu stehen, aus der unter anderem ein Teil des Fleisches auf unseren Tellern kommt. Ich esse Fleisch und das wächst nun mal nicht auf Bäumen. Für einen bewussten Konsum gehört diese Erfahrung für mich irgendwie dazu.

#jaeben19 (Quelle: Csorvasi/privat)
#jaeben19 (Quelle: Csorvasi/privat)

Deswegen war ich sofort Feuer und Flamme, als ich die Einladung zu Wild auf Wein von Shanna Reis bekommen habe. Shanna ist Winzerin im Familienweingut Reis und Luff und Jägerin aus Überzeugung. Gemeinsam mit dem deutschen Jagdverband (DJV) hat sie die Veranstaltung auf die Beine gestellt. Ein Event, dass Vorurteile gegenüber der Jagd abbauen soll und Nicht-Jägern wie mir die Chance gibt, mal in die Welt der Jäger reinzuschnuppern.

Die Veranstaltung ging von Freitag bis Sonntag und ich bekam die Einladung recht kurzfristig, eigentlich war mein Wochenende rappelvoll. Doch ich wollte unbedingt dabei sein, wenigstens einen Tag lang und habe es geschafft, mir zumindest den Samstag freizuschaufeln.

Je näher der Tag kam, desto mehr Gedanken habe ich mir über die ganze Sache gemacht. Was wird dieses Erlebnis mit mir machen? Werde ich total geschockt nach Hause gehen und nie wieder Fleisch essen wollen? Immerhin habe ich meinen Fleischkonsum nach dem Vegan Experiment ziemlich eingeschränkt und sympathisiere immer wieder mit dieser Ernährungsform.

Oder werde ich sogar gefallen an der Jagd finden und selbst einen Jagdschein machen wollen? Und was sind Jäger überhaupt für Menschen? In Grimms Rotkäppchen ist der Jäger der Gute und wirkt darin, wie der freundliche Herr von nebenan.

In einer Zeit, in der Tierschutz so präsent ist, wie nie zuvor, nehme ich jedoch auch immer wieder Stimmen wahr, welche den Jägern ihre Daseinsberechtigung gänzlich absprechen

Ich wollte mich weder von der einen, noch von der anderen Seite beeinflussen lassen und ging getreu dem Motto „nicht über andere reden, sondern mit anderen reden“ völlig unvoreingenommen an die Sache heran.

Ich traf nachts um 3:30 Uhr im Weingut von Shanna ein. Alle schliefen noch, es war stockdunkel und ich schlich im Innenhof herum.

Die Hunde hatten mich bemerkt und bellten um die Wette. Mann, war ich froh, dass die Hunde im Haus waren und mich nicht im Hof erwarteten. Alle anderen waren schon am Vortag angereist und schliefen noch, um 4 Uhr sollte es dann gemeinsam los auf den Morgenansitz.

Nachdem sich alle versammelt hatten und der erste Kaffee getrunken war, ging es dann los. Wir fuhren gemeinsam zu den verschiedenen Hochsitzen. Ich wurde Patrick zugeteilt, er war also der Jäger, den ich an diesem Morgen begleiten durfte. Patrick ist Mitte 20, ein junger und vor allem sehr netter Typ.

Die erste Frage, die er mir auf dem Hochsitz stellte, war, ob es für mich in Ordnung ist, wenn er abdrückt falls wir etwas sehen. Oder, ob es bestimmte Tiere gibt, bei denen ich das partout nicht möchte. Das hat mich schon beeindruckt, mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich verneinte, er solle sich verhalten, wie er sich auf der Jagd immer verhält.

Ich kann es vorwegnehmen, wir haben an diesem Morgen nichts erlegt, das lag jedoch nicht daran, dass wir die Gelegenheit nicht hatten. Im Gegenteil, wir haben reichlich Wild gesehen. Mehrere Rehböcke und sogar eine Rotte (als Laie hätte ich fast „Rudel“ geschrieben) Wildschweine. Warum Patrick trotzdem keinen einzigen Schuss abgefeuert hat? Ganz einfach, dass “Soll” an Rehböcken für das Wochenende war erfüllt und die Wildschweine haben uns so überrascht, dass wir schlichtweg nicht schnell genug reagieren konnten.

Wer nun davon ausgeht, dass mein Jagdpate Patrick daraufhin frustriert die Heimreise antrat, täuscht sich gewaltig. Er legte einfach sein Gewehr zur Seite, genoss die Ruhe und freute sich über jedes Tier, welches wir klammheimlich beobachten konnten. Das war dann der zweite Moment an diesem Morgen, der mich beeindruckt hat. Ich habe das Hobby “Jagd” unbewusst auf das ansetzen, zielen, abdrücken und Erlegen von Wild reduziert. Langsam wurde mir jedoch klar, dass es sich dabei um viel mehr handelt. Ein stiller Moment mit einem Rehbock, der durch den Wald spaziert, scheint genauso wertvoll zu sein, wie ein Jagderfolg im eigentlichen Sinne.

Und die Rotte Wildschweine, die unangekündigt durch die Lichtung hinter uns lief war das absolute Highlight. Einer nach dem anderen kam aus dem Wald und flitzte durch die Lichtung, jedes Mal schlug mein Herz höher und ich staunte „WOW, ein Wildschwein“ – kaum war es weg, kam schon das nächste angelaufen und meine Freude wiederholte sich. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge: unbeschwert, neugierig und aufgeregt.
Während ich aus dem Staunen nicht rauskam, versuchte Patrick sich in dem engen Hochsitz samt Gewehr vorsichtig zu drehen, um eines der Wildschweine ins Visier zu nehmen. Aber wie gesagt, sie waren zu schnell und auch wenn es Patrick wehement abgestritten hat, ich glaube ich war irgendwie im Weg…

Generell hatten die Stunden im Morgenansitz fast schon etwas Meditatives. Zu Beginn war es im wahrsten Sinne des Wortes noch stockdunkel. Alles war ruhig, die Vögel schliefen, wir atmeten den frischen Duft des Waldes ein und hörten die Bäume im Wind tanzen. Ab und zu knackte es und wir wussten, auch wenn es teilweise so schien, wir waren nicht allein.

Irgendwann ging langsam die Sonne auf, die ersten Vögel fingen an zu singen und die Tierwelt, die sich vorher nur durch diverse Geräusche bemerkbar gemacht hatte, war nun in seiner vollen Pracht zu sehen. Ein Traum.

Ich habe an diesem Morgen viel über die Jagd erfahren, auch, wenn wir nichts erlegt haben. Oder vielleicht gerade deshalb? Denn das ist nur ein kleiner Teil des Jägerdaseins und die Leidenschaft für Wald und Tier, die in Patrick brennt wäre vielleicht gar nicht so zur Geltung gekommen.

Ich sehe die Jagd und insbesondere die Jäger nun mit anderen Augen. Sie folgen ihrer Passion und erbringen damit einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft. Das Aufgabengebiet eines Jägers ist sehr vielfältig und die Jagd selbst für die Gesellschaft von großer Bedeutung. Es geht um den Schutz des Waldes und seiner Bewohner. Ich weiß, das klingt für Außenstehende etwas widersprüchlich, wer sich jedoch offen mit der Materie auseinandersetzt, wird es erkennnen.

Ich kann jedem, der Vorurteile gegenüber der Jagd hat oder den Sinn und Zweck dahinter nicht versteht nur empfehlen, sich an den deutschen Jagdverband zu wenden. Evtl. auch direkt an einen Jäger, den ihr vielleicht in eurem Umfeld habt. Sie werden euch sehr gerne aufklären und ggf. genauso positiv überraschen wie mich.

Am Samstagabend musste ich dann auch schon wieder los. Der Rest zog weiter zu einer regionalen Weinverkostung. Ich konnte nicht mit, leider… Mir fehlte schlichtweg die Zeit.

Auf dem Heimweg fiel mir dann noch auf, dass ich bei all dem Trubel und den ganzen Eindrücken der Jagd, noch nicht einmal dazu kam, Shannas Weine in Ruhe zu verkosten – und das als Weinblogger… Oh Mann, ich hoffe Shanna legt mir das nicht als Arroganz aus, denn so ist es nicht. Im Gegenteil, eigentlich sagt das verdammt viel darüber aus, wie faszinierend und spannend dieser Tag für mich war.

 

Von Balazs Csorvasi