Ungewöhnliche Allianzen

In Brüssel kämpfen Abgeordnete ländlicher Regionen für eine Regulierung der Wolfsbestände. Dabei verläuft die Trennlinie zwischen Stadt und Land - und weniger zwischen den Parteien. Den Politikern geht es um den Erhalt der Naturweidewirtschaft. Der RWJ war bei einer Anhörung im Europaparlament dabei.

Flaggen vor dem Europäischen Parlament in Brüssel. (Quelle: European Union)
Flaggen vor dem Europäischen Parlament in Brüssel. (Quelle: European Union)

Nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen europäischen Ländern wird die Rückkehr des Wolfes kontrovers diskutiert. Hauptkonfliktlinie ist dabei die Auseinandersetzung zwischen Tierschützern, die die Rückkehr des Großräubers begrüßen und Schäfern, die ihre traditionelle Weidetierhaltung massiv gefährdet sehen. Während die Debatte in Deutschland erst in den vergangenen Monaten richtig Fahrt aufnimmt, wird in Spanien und Frankreich schon länger lebhaft gestritten.

Namhaft besetze Anhörung
Mitte Mai fand dazu im Europäischen Parlament in Brüssel eine mit namhaften Experten besetze Anhörung statt. Der bekannte Grünen-­Politiker Joseph Bové und der Sozialist Eric Andrieu aus Frankreich hatten gemeinsam mit den Christdemokraten Karl­-Heinz Florenz aus Neukirchen-Vluyn (WES) und Herbert Dorfmann (Südtirol) eingeladen. Sie eint eine skeptische Sicht auf die unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes und die Gefahr für die Weidetierhaltung. Deshalb hieß die Veranstaltung auch „Naturweidewirtschaft schützen“. Für die EU­-Kommission sprach Umweltkommissar Karmenu Vella aus Malta. Er betonte, dass die Rückkehr des Wolfes erwünscht sei und nur eine Koexistenz von Wolf und Weidetieren möglich sei. Dazu müsse in erster Linie der Schutz durch Zäune und Herdenschutzhunde gewährleistet sein. Zudem stellte er höhere Förderungen für Schäfer in Aussicht.

Kommissar erzürnt Abgeordnete
„Schutz muss integraler Bestandteil der Landwirtschaft in Gebieten mit Großraubtieren sein“, so der Kommissar. Viele der anwesenden EU­Abgeordneten aus Spanien und Frankreich zogen bei diesen Äußerungen die Stirn kraus. Erzürnten Widerspruch erntete Vella schließlich, als er sich zur Äußerung verstieg, die Anwesenheit von Wölfen fördere den Tourismus und bringe Geld in die ländlichen Regionen. Da platze manch Abgeordentem der Kragen und es hagelte Zwischenrufe in die zuvor sehr sachlichen Ausführungen. Der Grüne Joseph Bové (F), selbst Landwirt, entgegnete dem Kommissar, dass die Menschen den Wolf vor Ort durchaus anders erleben würden. Karl­-Heinz Florenz zeigte sich verärgert – er habe sich in 29 Jahren im EU-Parlament noch nicht so hilflos gefühlt. Er könne seinen Landwirten am Niederrhein nicht erzählen, dass Zäune die einzige Lösung seien. „Das sind keine dummen Jungs“, empörte sich der Praktiker. Die EU-­Kommission müsse den Menschen endlich Antworten liefern, „ansonsten laufen uns die Bürger davon.“ Für seinen Protest erntete Florenz, der auch Sprecher der Intergroup Jagd im EU­-Parlament ist, kräftigen Applaus. Spanische Abgeordnete betonten, dass Wölfe auf lange Sicht auch die Bauern aus ihren Lebensräumen vertreiben würden, wenn ihnen die Lebensgrundlage entzogen werde.

Verantwortung der Schäfer
Stefan Wenzel, ehemaliger grüner Umweltminister in Niedersachsen, argumentierte hingegen, dass es keine großen Probleme mit Wölfen gäbe, wenn man Herden effektiv durch Zäune schütze. „Wo Herdenschutz vernachlässigt wurde, gab es viele Risse. Die Verantwortung dafür liegt beim Halter.“ Es gäbe auch keine Korrelation zwischen Wolfszahl und Rissen. Viel wichtiger sei es, Wölfe nicht zu füttern, Aufbrüche zu vergraben statt Luderplätze anzulegen und Raststätten sauber zu halten. Die Gefahr eines Jagdunfalls sei ungleich höher als die eines Wolfsangriffs, außerdem machten Weidetiere nur ein Prozent der Nahrung von Wölfen aus. Entschädigungen für Schäfer seien zudem im Vergleich zu sonstigen immensen Agrarsubventionen zu vernachlässigen. Dennoch müsse man subjektive Ängste der Bevölkerung ernst nehmen. Die Sicherheit des Menschen hätte Priorität. Der Wolf sei in der Natur überdies eine Gesundheitspolizei, die auch zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest beitragen könne, weil er kranke und schwache Wildtiere reiße.

Wolf liegend
Wird immer noch als leuchtendes Beispiel für den Artenschutz dargestellt: Der Wolf.
Bildquelle: Rolfes/DJV

Mehr Risse trotz Schutz
Der renommierte französischen Wissenschaftler Laurent Garde widersprach dieser Darstellung. Trotz immer aufwendigerer Schutzmaßnahmen steige die Zahl der Risse an – auch am Tag und in der Nähe menschlicher Siedlungen. Diese Erkenntnis unterstützte der französische Schafzüchter Laurent Reversat. Nach seinen Beobachtungen seien Schutzmaßnahmen immer weniger wirksam. Er warf der Politik eine Salami­-Taktik vor – erst würden Wolfsrisse nicht anerkannt, dann werde die Problematik der Hybrid­Wölfe kleingeredet – und trotz allem würde der Wolf noch immer als leuchtendes Beispiel für den Artenschutz hingestellt.

Verlust bäuerlicher Identität
Gregor Grill (Landwirtschaftskammer Salzburg) berichtete über Auswirkungen von Wölfen auf die Weidewirtschaft in den österreichischen Alpen. Er zeichnete ein düsteres Bild – eine Einzäunung von Flächen auf felsigem Grund sei praktisch kaum umsetzbar. Nur auf etwa einem Drittel der Fläche sei es überhaupt möglich – unter schwierigsten Bedingungen. Die Nebenerwerbslandwirtschaft stünde in Österreich unter diesen Umständen tendenziell vor dem Aus – trotz bestem Willen der Bergbauern und einer ausgefeilten Vermarktung regionaler Produkte. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, stirbt die bäuerliche Identität“ warnte Grill. Er befürchtet dazu negative Auswirkungen für den Tourismus in den Bergen: „Wenn wir den Besuchern kaum beibringen können, ihren Müll wieder mitzunehmen – wie wollen wir sie dann im korrekten Umgang mit aggressiven Herdenschutzhunden schulen ? Das ist utopisch.“ Mittelfristig drohe dazu der Verlust seltener, alter Haustierrassen, die bis heute von engagierten, idealistischen Züchtern auf die Almen getrieben würden.

Wie viele Populationen in Europa?
Grill kritisierte, dass offiziell immer von neun verschiedenen Wolfspopulationen in Europa die Rede sei. Dabei fände bis auf einzelne Bestände in Spanien und Italien ein Austausch zwischen den Populationen statt. Derzeit gäbe es etwa 20 000 Wölfe in Europa, weshalb man nicht mehr davon sprechen könne, dass die Art in Europa gefährdet wäre. Wenn also ein sog. günstiger Erhaltungs-Status erreicht sei, müsse endlich auch der Schutzstatus angepasst werden. Jose Ángel Arranz Sanz von einer nordspanischen Umweltbehörde erklärte, dass es allein in der Region Castilla y León 2017 mehr als 2.000 Wolfsangriffe mit knapp 3.000 Rissen gegeben habe. Davon seien 60 Prozent tödlich gewesen. 850.000 € seien an Entschädigungen an die Schäfer gezahlt werden. Die Situation vor Ort sei grenzwertig, es gäbe ernste Probleme. Dabei kam er auf einen interessanten Aspekt zu sprechen: Die Region ist durch einen Fluss getrennt. Wölfe nördlich davon können bewirtschaftet werden, im Süden nicht. Obwohl nur etwa ein Viertel der Rudel im Süden leben, gehen etwa 85 Prozent der Risse in der gesamten Region auf ihre Kappe. Ein Zusammenhang zwischen fehlender Bewirtschaftung (also dem „Wieder­scheumachen“) und Übergriffen auf Weidetiere drängt sich zumindest auf.

Kommission bewegt sich nicht
Der Generalsekretär der europäischen Jägervereinigung FACE Ludwig Willnegger betonte, dass Großraubtiere ihre Berechtigung hätten. Er forderte eine Beteiligung der Jäger am Wolfs­-Management und distanzierte sich von illegalen Abschüssen. Er erklärte, dass Wölfe Druck auf bestehende Ökosysteme ausüben, was u. a. Schälschäden verursache. Jäger würden den Wolf nicht als Konkurrenten sehen, man hätte aber die enormen Kosten im Blick, die seine Rückkehr mit sich bringe. Schließlich handele es sich bei den Zuschüssen für Zaunbauten und Entschädigungen um Steuergelder, mit denen man sorgsam umgehen müsse. Die Vertreter der EU­-Kommission zeigten sich von den fundierten Einwänden allerdings wenig beeindruckt. Geradezu gebetsmühlenartig wiederholten sie das Ziel der Koexistenz. Herden müssten eben ausreichend geschützt werden. Die Länder der EU seien wohlhabend, da wäre es wohl möglich, einen Ausgleich zwischen Artenschutz und wirtschaftlichen Aktivitäten zu finden. Ein Prozent der Menschen in der EU mache sich Sorgen um den Weidetierbestand, während andere die Rückkehr des Wolfes begrüßten. Die Kosten müsste allerdings die Gesellschaften und nicht die einzelnen Schäfer tragen. Herdenschutz funktioniere, das zeigten Beispiele etwa in Finnland. Das bringe zwar Aufwand mit sich, sei aber möglich. Zudem wolle man erforschen, wann Abschüsse möglich seien. Eine Änderung der Anhänge der FFH-Richtlinien, die festlegen, ob und wann Wolf bejagt werden dürfen, sei nicht die Lösung.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch den Rheinisch-Westfälischen Jäger.