Der Jäger

Ein grauer Wolkenschleier hängt über dem dicht bewachsenen, unwegsamen Gelände. Kein Windhauch ist zu spüren, sodass Schilf und Gräser stumm in der sumpfigen Ebene verharren. Die einzigen Geräusche, die zu hören sind, rühren von einem Hund her, der weit von mir entfernt zu sein scheint. Dann ein Schuss. 

#jaeben19 (Quelle: DJV)
#jaeben19 (Quelle: DJV)

Ich bleibe kurz stehen und halte den Stab, den ich mir für die Treibwanderung geschnitzt habe in der linken Hand, während meine Rechte in der wärmenden Tasche meiner Jacke ruht. Ich lausche noch einem Moment der neu eingesetzten Stille, ehe ich meinen Weg fortsetze und mir mit dem Wanderstab einen Weg durch das Geäst bahne. Er hat eine kleine Kerbe am oberen Rand, auf der ich meinen Daumen ablegen kann, wodurch sich der gesamte Stab wie ein passender Griff an meine Hand schmiegt. Tief atme ich die nasskalte Oktoberluft ein. Es riecht nach Pilzen und Wild. Insbesondere Letzteres bleibt mir in der Nase hängen. Dieser modrige Geruch ist markant und bedeutet mir, dass ich auf der richtigen Spur bin.

Plötzlich erkenne ich eine Bewegung. Das trockene Schilf vor mit beginnt zu Rascheln und in mir wird es still. Es scheint, als hätte mein Herzschlag für den Bruchteil einer Sekunde ausgesetzt, ebenso wie mein Atem, bevor sich beides im doppelten Tempo fortsetzt. Ich spüre wie mein Blutdruck steigt. Meine Pupillen weiten sich und meine Hände werden kalt und schwitzig. Adrenalin durchströmt meinen Körper und paart sich mit Euphorie und Angst. Ich umklammere meinen hölzernen Begleiter in der Erwartung darauf, gleich nicht mehr allein zu sein. Ich kann den Puls in meinen Ohren wahrnehmen, so still liegt der Wald vor mir und so angespannt und aufmerksam zugleich ist mein Körper. Dann sehe ich es. Etwas Dunkles lugt durch das Reet. Ich erkenne schwarze Augen, die direkt auf mich gerichtet sind. Ich versuche in ihnen zu lesen, um vorausschauen zu können, was als nächstes passiert. Doch es will mir nicht gelingen. Stattdessen verrät mir der Blick des Waldbewohners lediglich, dass ich nicht der einzige bin, der von dieser Begegnung überrascht ist. Langsam setzt das Tier einen Fuß vor den anderen, sodass das Schilfrohr unter seiner Last leise knackt. Ich weiche einen Schritt zurück, ohne es dabei aus den Augen zu lassen. Ich richte mich ein Stück auf, um stark, nicht jedoch bedrohlich zu wirken. Wieder erhöht sich mein Herzschlag und die Zeit um uns herum hat sich verloren. In diesem Moment scheint nichts weiter zu existieren. Nur das Tier, ich und die überwältigende Wirkung der Natur zwischen uns.

Dann tritt das Geschöpf aus dem Dickicht heraus und zeigt sich mir in voller Pracht. Nun stehen wir uns gegenüber. Zwei Jäger auf unserem Weg durch den Wald. Einst waren wir Feinde, nun scheinen wir, wenn auch nicht Verbündete, so doch aber Gleichgestellte zu sein – zumindest in diesem Augenblick. Das graue Fell um die dunkle Schnauze des Tieres ist etwas heller als der Rest. Auch die Augenpartie ist von Zotteln umrahmt, die fast ins Weiß übergehen. Es scheint sich um ein älteres Männchen zu handeln. Der Körper schlank, aber kräftig. Wir sehen uns noch eine Weile an und ich wage es kaum, zu atmen. Dann wieder ein Schuss. Der Knall des Gewehres reißt uns beide aus dem einzigartigen Moment heraus und holt uns zurück in die Realität. Das Tier reckt den Kopf zum Himmel, blickt dann noch einmal zu mir und verschwindet, so leise und rasch im Schilf, wie es gekommen war. Ich sehe ihm hinterher. Noch nie zuvor war ich einem Wolf begegnet. Ich streiche mir mit der Hand über das Gesicht – einerseits um mich zu beruhigen, andererseits um festzustellen, ob ich wirklich hier bin und ob das, was soeben passiert war, wirklich stattgefunden hatte und real war. Das war es.

Noch einmal atme ich die kühle Luft ein, bevor ich meinen Weg durch den Wald mit einem Lächeln im Gesicht fortsetze. 

Von Tobias Krause