(Quelle: Kauer/DJV)

2017 ist das Jahr des Waschbären

16. Februar 2017 (DJV) Berlin

Seit mehr als 80 Jahren sind Waschbären in deutschen Wäldern unterwegs. Ohne nennenswerte Fressfeinde breiten sich die Neubürger aus Nordamerika rasant aus. Jäger und andere Naturschützer beobachten seit Jahren einen Einfluss auf die heimische Artenvielfalt. Umso wichtiger, sich intensiv mit dem nachtaktiven Räuber auseinanderzusetzen.

Waschbären stammen ursprünglich aus Nordamerika.
Waschbären stammen ursprünglich aus Nordamerika. (Quelle: Rolfes/DJV)

Pelzig, putzig und manchmal auch ein Plagegeist: Der Waschbär (Procyon lotor). Erst kürzlich hat ihn die EU-Kommission in eine Liste mit 37 fremden, invasiven Arten aufgenommen, die europaweit zurückgedrängt werden sollen. Der Kleinbär verursacht Schäden in Siedlungs- und Gartenanlagen und beeinflusst die heimische Artenvielfalt negativ. In der Natur gibt es kaum nennenswerte Faktoren, die eine weitere Ausbreitung stoppen könnten. Der DJV hat 2017 deshalb als Jahr des Waschbären ausgerufen. "Die Fangjagd ist das effektivste Mittel, um den nachtaktiven Räuber zu bejagen. Diese ist absolut notwendig und muss unter Beachtung des Elterntierschutzes ganzjährig möglich sein, um seine weitere Ausbreitung zu verlangsamen'', sagt Professor Dr. Jürgen Ellenberger, Präsident des Landesjagdverbandes Hessen. Er hat sein Verbreitungsgebiet deutschlandweit in sieben Jahren nahezu verdoppelt und kommt jetzt fast in jedem zweiten Jagdrevier vor. Trotz allem gehört er zu den Raubsäugern Europas, die bisher am wenigsten untersucht wurden.

Neozoen können heimische Fauna gefährden

Rotfuchs und Dachs sind bekannte heimische Prädatoren. Weitere räuberische Einwanderer, die sich in Deutschland ausgebreitet haben, sind Marderhund, Mink und auch der Waschbär. Viele Naturschützer sehen durch den gestiegenen Räuberdruck seltene regionale Tierarten bedroht: In Deutschland gibt es die Europäische Sumpfschildkröte mit weniger als 100 erwachsenen Vertretern ihrer Art, nur noch in wenigen Naturschutzgebieten in Brandenburg. ,,Funde ausgefressener Schildkrötenpanzer, sowie schwere Verletzungen wie abgebissene Gliedmaßen, gehen in der Regel auf das Konto des Waschbären'', sagt Dr. Norbert Schneeweiß, Chef der Naturschutzstation Rhinluch (Landesamt für Umwelt). "Ohne eine intensive Fangjagd mit Unterstützung örtlicher Jäger und den Schutz der Nester vor dem Zugriff von Waschbären und anderen Fressfeinden, wäre der Erhalt der Vorkommen nicht möglich“.

Auf dem Speiseplan des Allesfressers stehen Früchte, aber auch Amphibien und Reptilien sowie Jungvögel und Vogeleier. Letztere sind bei vielen kleineren Raubtieren ein beliebter Leckerbissen. Diese Vorliebe stellt nicht nur für Bodenbrüter ein Problem dar: Aufgrund seiner ausgezeichneten Kletterkünste sucht der Kleinbär auch in Baumkronen oder an steilen Felswänden nach Nahrung. Baumhöhlen und Horste von Greifvögeln kann er sogar bewohnen. Deshalb bringen Wissenschaftler ihn vor allem mit Brutverlusten bei Uhus, Graureihern und Höhlenbrütern in Verbindung. Einige Vogelarten fühlen sich durch die ständige Anwesenheit des Waschbären gestört und verlassen ihre Brutstätten vorzeitig. In Thüringen hatten die dort ansässigen Uhus im Jahre 2009 weniger Bruterfolg, denn knapp ein Viertel der Nistplätze war von Waschbären in Beschlag genommen. Auch wenn Horste oder Felsspalten nur zeitweise okkupiert werden, kann diese Störung zum Ausfall einer gesamten Brutsaison führen.

Immer mehr Waschbären in Deutschland

Im Jahr 1934, ursprünglich zur ,,Bereicherung" der heimischen Tierwelt ausgesetzt, stand der Waschbär die folgenden 20 Jahre unter Naturschutz. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in Deutschland kritische Stimmen laut. Hessen nahm ihn als erstes Bundesland ins Jagdrecht auf, doch erst seit 1990 steigt die Jagdstrecke merklich an. In einigen Bundesländern, wie auch in Hessen, unterliegt er vom 1. März bis 31. Juli der Schonzeit. Dies erschwert die Bejagung und eine Zurückdrängung der Art. Denn schon längst sind Wald- und Feldlandschaften vom Nordosten bis in den Südwesten Deutschlands in unterschiedlichen Dichten besiedelt. Als Neubürger hat er kaum natürliche Fressfeinde, welche die Ausbreitung in Deutschland stoppen könnten.

Das Ausmaß seiner Verbreitung verdeutlichen die Zahlen des Wildtier Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD): Im Vergleich zu 2006 meldeten im Jahr 2013 fast doppelt so viele Reviere ein Vorkommen des Kleinbären. Deutschlandweit ist nun fast jedes zweite Revier in Waschbärhand, im Kerngebiet (Brandenburg, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) liegt die Zahl mit 71 Prozent sogar noch deutlich höher. Regelmäßig erheben Jäger in über 25.000 Revieren Daten zum Waschbären und anderen Neozoen, die wissenschaftlich ausgewertet werden. Das entspricht etwa der Hälfte der land- und forstwirtschaftlichen Fläche Deutschlands. Damit bieten sie das umfangreichste Monitoring bundesweit.

Weitere Informationen:

1) Schneeweiß, N. ''Ein wertvolles Relikt - wie steht es um die Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte in Brandenburg.''- Naturmagazin, Rangsdorf (2015): 22-24.

2) Schrack, M. "Der Nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor)—ein Gegenspieler wehrhafter Vogelarten." Veröffentlichungen Museum Westlausitz Kamenz 30 (2010): 75-82.

3) Tolkmitt, D. et al. "Einfluss des Waschbären Procyon lotor auf Siedlungsdichte und Bruterfolg von Vogelarten–Fallbeispiele aus dem Harz und seinem nördlichen Vorland." Orn. Jahresber. Mus. Heineanum 30 (2012): 17-46.

4) Görner, M. ''Haben Waschbären (Procyn lotor) einen Einfluss auf den Reproduktionserfolg einheimischer Vögel?'' Acta ornithoecologica, Jena 6 (4) (2009): S.197-209.

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