Jagd ist praktizierter Artenschutz - Überblick Symposium Erfurt 2014 | Deutscher Jagdverband

Jagd ist praktizierter Artenschutz - Überblick Symposium Erfurt 2014

Er sieht putzig aus, ist hochintelligent und nicht ungefährlich: Der Waschbär breitet sich zunehmend in Deutschland aus und bedroht heimische Tierarten. Die Fangjagd ist eine effektive Möglichkeit, um seinen Einfluss auf Beutetiere zu reduzieren. Weitere erfolgreiche Maßnahmen zum Schutz von Tieren im Agrarraum zeigen Fachreferenten auf dem Symposium am 27. und 28. September in Erfurt. Der DJV stellt sein Eckpunktepapier zur Fangjagd vor und begleitet die Veranstaltung mit einem Live-Ticker.

 (Quelle: Rolfes/DJV)
(Quelle: Rolfes/DJV)

Auf dem 2-tägigen Artenschutzsymposium (27. und 28. September) von Deutschem Jagdverband (DJV) und Landesjagdverband Thüringen (LJV) präsentieren Experten aus ganz Deutschland erfolgreiche Artenschutzprojekte in der Agrarlandschaft. Für Großtrappe, Kiebitz, Auer- und Birkhuhn oder Sumpfschildkröte hat sich gezeigt: Lebensraum verbessernde Maßnahmen allein reichen nicht, Fressfeinde wie Fuchs, Marder oder Waschbär müssen reduziert werden. Letzterer macht dem seltenen Auerwild und dem Uhu in Thüringen zu schaffen: Die Arbeitsgruppe Artenschutz hat nachgewiesen, dass der nordamerikanische Kleinbär bereits ein Viertel aller Uhu-Brutplätze in Thüringen besetzt und auch Eier sowie Nachwuchs frisst. In einigen Horstbereichen ist seit mehr als einem Jahrzehnt kein Uhu-Nachwuchs mehr groß geworden. Die Arbeitsgruppe fordert deshalb jetzt den verstärkten Einsatz der Fangjagd.

Anlässlich der aktuellen Diskussion über ein Fallenverbot in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betonte DJV-Präsidiumsmitglied Steffen Liebig (LJV Thüringen) vor dem Symposium: „Arten kennen keine Ländergrenzen, ihr Schutz darf nicht an ideologisch geprägten Gesetzen scheitern.“ Es sei Etikettenschwindel, wenn Naturschutzverbände unter dem Deckmäntelchen „Prädatorenmanagement“ Fallen einsetzten und gleichzeitig „Fallenjagd“ verboten sehen wollen. „Dem Waschbär ist egal, welches Etikett auf der Falle klebt“, so Liebig. Jäger seien die am besten ausgebildeten Partner im Artenschutz mit Fallen.

Anlässlich des Artenschutzsymposiums in Erfurt stellt der DJV ein 4-Punkte-Papier zur Fangjagd in Deutschland vor. Darin geht der Verband auch auf Tierschutzfragen ein: Jäger haben gängige Fallentypen bereits erfolgreich nach internationalen Tierschutzstandards (AIHTS) testen lassen, weitere werden derzeit untersucht. DJV und LJV fordern von der Bundesregierung, dass eine nationale Zertifizierungsbehörde umgehend eingerichtet wird. „Sonst verlieren wir Sumpfschildkröte, Auerwild oder Uhu. Lebensraum verbessern und Fressfeinde fangen, das ist die Zukunft des Artenschutzes in unserer Kulturlandschaft“, betonte Liebig.

Das Artenschutzssymposium wurde finanziell unterstützt von:

Deutscher Falkenorden
Heintges
Die Unternehmensgruppe Tengelmann
Rebhuhnschutzprojekt artenreiche Flur
Game Conservancy Deutschland

Artenschutzsymposium Erfurt 2014

Artenschutzsymposium Erfurt

Artenschutzsymposium Erfurt

Steffen Liebig, Präsident des Landesjagdverbandes Thüringen: „Prädatorenmanagement klingt wissenschaftlicher als Fallenjagd - ist aber nichts anderes!“

Dr. Astrid Sutor, DJV-Fangjagdexpertin: „Wissenschaftliche Auswertungen zeigen: Bei über 85 Prozent der Räuberausschlussexperimente hat der Nachwuchs von Bodenbrütern und Hasen bessere Chancen. Die Fangjagd ist ein probates Mittel für den Artenschutz“

Dr. Marcel Holy, Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer e.V.:“Wir haben zwei Stellschrauben, um spezialisierten Arten zu helfen: Lebensraum verbessern, und Fressfeinde reduzieren.“

Hartmut Andretzke, Bios Norderney: „Auf Norderney sind Fuchs, Igel, Frettchen, verwilderte Katzen, Ratten vom Menschen eingeschleppt. Ein Artenschutzproblem. Verwilderte Katzen sind auch ein Problem. Sie werden nach Protesten nicht mehr getötet, sondern eingefangen, sterilisiert und auf dem Festland als Freigänger frei gelassen. Das ist irrational. Aber die Emotionen schlagen hoch, das muss man auch in Artenschutzprojekten akzeptieren. Verwilderte Katzen sind auf den Ostfriesischen Inseln ein massives Problem für den Artenschutz.“

Norman Stier, TU Dresden: „Einzelne Individuen machen oft einen Großteil der Prädation aus. Es ist Irrglaube, dass viele Fressfeine da sein müssen. Räuberische Arten lassen sich reduzieren, es müssen aber Profis ran. Mink Marderhund und Waschbär sind die Hauptprädatoren in Feuchtgebieten. Man muss sich warm anziehen, wenn sie ankommen.“

Holger Behrens, Deutscher Jagdverband, zum AIHTS-Projekt auf der Halbinsel Eiderstedt: „Was machen wir mit verwildernden Katzen in Lebenfangfallen? Sie werden als Fundsache im Tierheim abgegeben. Das setzen wir auch so um. Die Tierheime wollen das aber gar nicht, weil verwilderte Katzen nicht wieder in Familien unterzubringen sind - sie können nicht sozialisiert werden. Das Thema ist also auch im Projekt Eiderstedt ein großes Politikum.“

Klaus Schmidt, Bayerische Staatsforsten: „Landschaftsplaner pflanzen Bäume ins Offenland - das ist schlecht fürs Rebhuhn und andere Offenlandarten. Auch die Auswahl heimischer Pflanzen ist enorm wichtig. Hier müssen wir Jäger informieren und unterstützen.“

Dieter Geiger, Auerwild-Hegeberater LJV Baden-Württemberg: „Fallen sind das A und O, um das Auerwild zu schützen. In schneearmen Jahren - und die nehmen zu - können wir nur so Füchse effektiv bejagen.“

Dorothee März, Förderverein Großtrappenschutz e.V.: „Bei der Fangjagd hilft nicht kleckern, sondern klotzen. Mittlerweile stehen 120 Fallen im Großtrappen-Schutzgebiet Fiener Bruch. Im Jagdjahr 2013/2014 konnten 272 Stück Raubwild entnommen werden, davon 41% Waschbären und 27 % Füchse. Großtrappenschutz ist Schutz der Artenvielfalt. Sogar die Sumpfohreule profitiert davon.“

Dr. D. von Knorre, Stiftung Lebensraum Thüringen e.V.: „Eine nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, 2007 verabschiedet, hat bislang nichts gebracht, außer Verdienste für Werbeagenturen und Planungsbüros, klangvolle Sonntagsreden oder bürokratische Belastungen für Landnutzer. Das Biodiversitätsziel 2020 wird wieder nicht erreicht werden. Feldraine dienen der Feldhygiene. Feldraine sind Lebensraum für eine artenreiche und damit stabile Biozönose. Mit einer falschen Pflege vernichten wir das, was wir erhalten müssen, die Artenvielfalt! Das Ergebnis: Die Goldammer verliert die Deckung, die Zackenschote breitet sich aus. Diese ist mit ihrer tiefen Pfahlwurzel durch Mulchen nicht zu beseitigen. Durch Mulchen erreicht man nur das Gegenteil, man verhilft ihr im nächsten Jahr, weil man die Konkurrenz beseitigt hat.“

Walter Schlöffel, Lebensraum Thüringen e.V.: „Das Rebhuhn als Art des Offenlandes ist abhängig vom Strukturreichtum und hohem Anteil Blüten bestäubender Insekten. Durch die Ernte sind schlagartig 84 Prozent der Ackerfläche ohne Vegetation. Wir brauchen deshalb Maßnahmen in der bewirtschafteten Fläche, die Strukturen schaffen. Dies sind z.B. Blühstreifen, Sommerzwischenfrucht, Hecken oder Lebensraumparzellen.Mit der Lebensraumparzelle können wir stark zur Erhaltung der Grenzlinien beitragen.“

DJV-Präsident Hartwig Fischer begrüßt am 2. Tag des Artenschutzsymposium die rund 100 Teilnehmer: „Den Offenlandarten hilft weniger Ideologie und mehr praktische Arbeit vor Ort. Wir laden alle Naturschutzverbände ein, mit uns in der Kulturlandschaft erfolgreiche Projekte durchzuführen.“

Werner Kuhn, Netzwerk Lebensraum Feldflur: „Erst kommt nicht gefressen werden. Dann erst ‚schöner wohnen‘. Artenschutz muss in die Produktionsprozesse integriert werden. Selbst Stoppel, die bis Ende September stehen bleiben, helfen viele Arten. Greening müsste eigentlich Greenwashing heißen: Für die Artenvielfalt hat die Umsetzung der EU-Vorgaben wenig gebracht.“

Peter Markett, Bundesverband Deutscher Berufsjäger: „Es ist Verlogenheit von einigen Naturschutzverbänden, Fangjagd zu betrieben und nicht öffentlich dazu zu stehen. Wir brauchen Fallen für den Artenschutz. Wir brauchen auch die Krähenjagd. Jäger, die sich jedoch in Volltarn ablichten lassen und Krähen als Zahl legen, haben uns sehr geschadet. Mancher sollte lieber seine Arbeit tierschutzgerecht machen und nicht so viel Unsinn auf Facebook veröffentlichen.“

Matthias Neumann, Thünen-Institut: „Nachhaltige Nutzung ist immer ein aktiver Beitrag zum Artenschutz. Das müssten auch Kritiker der Jagd einsehen, wenn sie sich intensiver damit beschäftigten. Das Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD) ist inzwischen ein dauerhafter Bestand der ökologischen Wildtierbeobachtung. Deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele Jäger Daten liefern, die dann wissenschaftlich ausgewertet werden.“

Torsten Kirchner, Wildlandstiftung Bayern: „Wenn mich jemand fragt, warum wir das Birkhuhn in der Rhön schützen, antworte ich: Es ist ein empfindlicher Prüfstein. Verlieren wir es, dann verschwinden auch seltene Arten wie Raubwürger oder Wiesenpieper. Es bringt nichts, wenn wir gute Lebensräume haben und genetisch fitte Birkhühner, Prädatorenmanagement ist entscheidend.“

In der Pressekonferenz stellte der DJV das Eckpunktepapier zur Fangjagd in Deutschland vor. (V.l.: Thüringer Landwirtschaftsministeriumsreferent Achim Ramm, Präsident des LJV Thüringen Steffen Liebig, DJV Pressesprecher Torsten Reinwald und DJV Fangjagdexpertin Dr. Astrid Sutor)

Stephan Wunderlich, Game Conservancy Deutschland: „Mit manipulierten Fotos machen Gegner Stimmung gegen die Fangjagd. Und der Nabu argumentiert, die Beute reguliere die Räuber, Fangjagd sei verzichtbar. In Schleswig-Holstein allerdings setzt derselbe Verein Fallen für Artenschutzprojekte ein – für jeden sichtbar. Hausbesitzer haben enorme Probleme, etwa mit dem Steinmarder. Und sie wissen sich zu helfen, den ‚Lästling‘ loszuwerden. Dafür werden Fallen importiert, die in keiner Weise dem Tierschutz entsprechen.“

DJV stellt Eckpunktepapier zur Fangjagd in Deutschland vor. Hier der Link zum Eckpunktepapier: http://bit.ly/1swN1XM

Hintergrundinformationen

Der DJV hat auf seinem YouTube-Kanal sechs Videos zur Fangjagd und ausgewählten Artenschutzprojekten bereitgestellt: www.youtube.com/DJVJagdschutzverband

Der DJV berichtet am Samstag mit einem Live-Ticker von der Veranstaltung unter www.jagdverband.de

Grafik zur Verbreitung des Waschbären