
DJV-Position: Jagdliche Ethik im Diskurs
Vorbemerkung
Der gesellschaftliche Wandel hat unmittelbare Auswirkungen auf die Jagd. Beginnend von der Demokratisierung der Naturnutzung 1848 bis heute ist das ein anhaltender Prozess. Eine rasante technische Entwicklung, ein immer schnellerer Lebensrhythmus und eine mediale Omnipräsenz wirken sich unmittelbar auf die Jagd inmitten der Gesellschaft aus. Das gilt für die Jägerausbildung ebenso wie für Nachtzieltechnik oder Bewegtbild im Internet.
Heute müssen sich Jägerinnen und Jäger mehr denn je dem gesellschaftlichen Diskurs stellen. Ethische Fragen spielen dabei eine immer größere Rolle. Wir müssen sprechfähig sein, wenn es darum geht, zu erklären, was „des Jägers Ehrenschild“ ist.
Eine Auseinandersetzung mit ethischen Fragen ist daher eine Aufgabe für das ganze Jägerleben. Das beinhaltet Aussagen zur Legitimität der Jagd, zur Leistungsfähigkeit der Aus- und Weiterbildung und zum Verhältnis zur Technik.
Die jagdliche Identität
Die Jagd in Europa und in Deutschland ist geprägt durch den Raum, Geschichte und Kultur. Der Heilige Hubertus und die Göttin der Jagd, Diana, verweisen auf gemeinsame europäische kulturelle Wurzeln. Die Natur zu nutzen und ihr zugleich mit Respekt und Achtung zu begegnen, ist nicht erst in unserer Zeit ein wichtiger Gedanke. Er findet sich gerade in Deutschland in vielen gebräuchlichen jagdlichen Traditionen wieder.
Daraus ergibt sich zwingend ein laufender Prozess des Aushandelns ethischer Fragen betreffend Natur, Tiere und Mensch. Der Beitrag, den die Jagd in dieser Debatte liefern kann, muss im offenen Diskurs in der Jägerschaft erarbeitet werden und ist nicht allein
eine Aufgabe für Verbände und Funktionäre. In dieser Debatte spiegeln sich auch im Wandel der Zeit verändernde Sichtweisen wider. Gerade deshalb ist es wichtig, erfahrene Jägerinnen und Jäger, aber auch Jungjägerinnen und Jungjäger, Kreisjägerschaften und Hegeringe, Jagdschulen und naturpädagogische Einrichtungen einzubeziehen.
Sprechfähigkeit und Selbstreflexion müssen deshalb Teil der Aus- und Weiterbildungskonzepte der Jägerschaft werden. Der Ausbildungsbereich Brauchtum, der in den Vorbereitungskursen zur Jägerprüfung vermittelt wird, muss eine Ethikkomponente erhalten. Jagdliche Ethik muss im Rahmen jagdlicher Praxis (Nachzieltechnik, Fallenjagd, Bewegungsjagden und Drohnen, etc.) Gegenstand von Fortbildungsseminaren und Onlinelehrfilmen oder einer praktischen Lehrzeit werden.
Ökonomie und Ökologie
Jägerinnen und Jäger erfüllen meist mit hohem Sachverstand und großem ehrenamtlichen Einsatz hoheitliche Aufgaben für die Gesellschaft. Die Jagd wird heute mit einer Vielzahl guter Argumente begründet:
• Vermeidung von Wildschäden
• Seuchenprävention
• konsumtiver Nutzung von Wildtieren
• Artenschutz
• Förderung des Waldumbaus
Technik und Innovation haben seit jeher Einfluss auf die Art der Jagd. Aktuell erreicht die Technisierung allerdings einen Grad, der neue Formen von Wildtiermanagement und -monitoring verspricht. Dies stellt die Legitimität der Jagd einmal mehr in Frage, gerade wenn durch die Wahl anderer Mittel künftig die gleichen Ziele erreicht werden könnten.
Diese Fragestellung lässt außer Acht, dass Jagd auch Teil der Kultur ist. Naturerfahrung und das eigene Erleben sind jedoch keine ausreichenden Gründe, um die Jagd für die Zukunft zu legitimieren. Doch einer zunehmenden Technisierung unserer Welt steht ein steigendes Bedürfnis vieler Menschen nach Naturerfahrungen gegenüber. Hier kommt Jägerinnen und Jäger als Mittler eine besondere Aufgabe zu, ihre Rolle als Natur- und Artenschützer rückt in den Mittelpunkt.
Jeder einzelne muss sich selbst fragen, wie weit die Nutzung moderner Technik gehen soll und wo – gerade aus ethischen Gründen – Grenzen geboten sind. Es muss uns freistehen auf modernste Nachtzieltechnik zu verzichten. Die Frage, was aber
angesichts der technischen Möglichkeiten eine waidgerechte Jagd in der Nacht bedeutet, muss diskutiert werden. Umgekehrt ist es umso wichtiger, dass die organisierte Jägerschaft Gehör bei Politik und Verwaltung findet, damit Gesetze nicht nur das technisch Mögliche regulieren, sondern ethische Fragen im Sinne der Jägerschaft berücksichtigen.
Der „vernünftige Grund“ zur Tötung von Wirbeltieren
Der Mensch ist als vernunftbegabtes Wesen in der Lage, sein Tun zu reflektieren und sich die Folgen bewusst zu machen. Das unterscheidet ihn vom Tier und verpflichtet ihn letztlich dazu, dieses auch zu tun. Die Achtung vor dem Mitgeschöpf ist ein wesentlicher Bestandteil der jagdlichen Ethik und des geltenden Tierschutzrechts. In unserer Rechtsordnung wird daher auch eine rationale Basis im Sinne des „vernünftigen Grundes“ verlangt. Diese Anforderungen dürfen jedoch nicht auf eine zwingende Notwendigkeit verengt werden.
Jägerinnen und Jäger sind Teil einer pluralistischen Gesellschaft. Sie müssen ihr Handeln nachvollziehbar begründen. Die Debatte um den Wolf ist hierfür ein gutes Beispiel. Es braucht keinen Konsens im Sinne einer allgemeinen Zustimmung, aber in einer demokratischen Gesellschaft braucht Jagd eine mehrheitliche gesellschaftliche Akzeptanz, die sich dann in politischen Entscheidungen widerspiegelt. Extreme Positionen, die den „vernünftigen Grund“ so definieren, dass de facto jede Form der Tiernutzung unethisch ist, lehnt die Jägerschaft ab. Auf dieser Basis kann weder ein Konsens noch gesellschaftlicher Diskurs stattfinden.
Den gesetzlichen Rahmen für die Jagdausübung setzt das Jagdrecht, das durch den Verweis auf die allgemein anerkannten Grundsätze der Weidgerechtigkeit und die klaren Regelungen zur Zulässigkeit der Jagd die notwendige Rechtssicherheit bietet. In einem föderalen Gemeinwesen wie Deutschland werden dabei auch regionale Unterschiede in der jeweiligen Gesetzgebung deutlich. Das verstärkt die
Notwendigkeit des Diskurses.
Der vernünftige Grund für die Tötung von Wirbeltieren im Sinne von § 17 TierschG setzt die gesellschaftliche Akzeptanz zur Nutzung von Tieren voraus. Diese wird nur Bestand haben, wenn Jägerinnen und Jäger ihre eigenen ethischen Maßstäbe kritisch reflektieren und weiterentwickeln.
Gerade die Vermittlungen von Gründen für die Jagd wie kulturelle Tradition, Natur- und Selbsterfahrung oder wesentlicher Teil der eigenen Lebensgestaltung sind eine Herausforderung. Diese Argumente sind für diejenigen, die der Jagd fernstehen, schwerer nachzuvollziehen als Natur- und Artenschutz, Seuchenprävention oder der Erwerb von Wildfleisch als Lebensmittel.
Jagdliche Ethik verlangt Selbstbeschränkung
Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch ethisch vertretbar. Die Rechtfertigung der Jagd im Sinne eines vernünftigen Grundes ist von der Motivation des Jägers zu unterscheiden, die Jagd im konkreten Fall auch auszuüben.
Tiergerechte Jagd orientiert sich am Grundsatz, Wildtiere so wenig wie möglich zu beeinträchtigen und mit Respekt und Verantwortungsbewusstsein zu erlegen. Ziel ist ein tierschutzgerechter Ablauf, bei dem vermeidbares Leiden nach besten Kräften ausgeschlossen wird. Dazu gehören die sorgfältige Beachtung des Elterntierschutzes, eine stetig trainierte Schießfertigkeit sowie eine ehrliche Selbsteinschätzung der jagdlichen Fähigkeiten.
Jagdliche Entscheidungen müssen so gestaltet sein, dass natürliche Verhaltensweisen des Wildes erhalten bleiben. Stresssituationen sind durch angepasste, effiziente Jagdstrategien zu vermeiden. Nur wer dem Wild Ruhe gewährt, ermöglicht nachhaltiges, naturnahes Verhalten – die Grundlage gesunder Bestände. Hege und Pflege sind wesentliche Säulen jeder jagdlichen Ethik.
Der verantwortungsvolle Umgang mit Technik, insbesondere mit modernen Hilfsmitteln wie Nachtzieloptiken, ist Teil dieser tiergerechten Haltung. Technik darf die Jagd unterstützen, aber nie die ethischen Grundsätze ersetzen. Gerade dieser Bereich verlangt Selbstreflexion und Selbstbeschränkung.
Tiergerechte Jagd dient nicht zuletzt auch dem Wohl der Wildtiere, indem sie Bestände gesund hält, Krankheiten vorbeugt und Tierleid mindert. Sie ist damit gelebter Tierschutz im Rahmen verantwortungsvoller Nutzung natürlicher Ressourcen.
Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Jede Form von Kommunikation – ob im persönlichen Gespräch, in sozialen Medien oder in der Öffentlichkeit – prägt die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz der Jagd. Jägerinnen und Jäger tragen daher Verantwortung für ihre Außenwirkung. Wer sich öffentlich zur Jagd bekennt und damit bewusst oder unbewusst Reichweite generiert, trägt eine erhöhte ethische Mitverantwortung für das gesellschaftliche Bild der Jagd insgesamt.
Kommunikation findet auf unterschiedlichen Ebenen statt: auf Verbandsebene, in den Medien (z. B. Social Media, Jagdzeitschriften, Bezahlplattformen) sowie im privaten und alltäglichen Umfeld. Diese Kommunikationsräume folgen unterschiedlichen Regeln und unterliegen somit auch unterschiedlichen Maßstäben. Der DJV wird Leitlinien überarbeiten oder neu entwickeln, um Jägerinnen und Jäger auf den jeweiligen Ebenen „sprechfähig“ zu machen, die Jagd zu vertreten und auch in Fragen der jagdlichen Ethik bewusst zu handeln.
Der DJV entwickelt Qualitätsstandards im Rahmen einer Initiative „dialogfähige
Jagd“.
Die Initiative kann naturgemäß außerhalb gesetzlicher Vorgaben nur auf Freiwilligkeit beruhen, Orientierung bieten und die individuelle Verantwortung stärken. Jagdliches Handeln ist Ausdruck ethischer Haltung. Es braucht Grundwerte, die nicht verhandelbar sind. Dazu zählen:
- ein mutiges Eintreten für die Jagd als Ausdruck menschlicher Freiheit
- ein respektvolles Auftreten gegenüber Mensch, Natur und Wildtieren
- die Ausbildung und der Umgang mit tierischen Jagdhelfern, Hunden genauso wie Falken und Greifvögel.
- Respekt im bildlichen Festhalten jagdlicher Erlebnisse. Reißerische Erlegerbilder und Social-Medial-Beiträge sind jagdlich unethisch und nicht weidgerecht
- Sachliches Benennen jagdlichen Fehlverhaltens zu Stärkung einer positiven Fehlerkultur und nicht im Sinne eines digitalen Prangers
Ziel ist eine Kommunikation, die auf Verständigung und gegenseitiges Verstehen ausgerichtet ist und polarisierenden Widersprüchen in der öffentlichen Wahrnehmung aktiv entgegenwirkt.
Dazu sucht der DJV den Austausch mit denjenigen, die im öffentlichen Diskurs sichtbar die Jagd darstellen und zeigen – um gemeinsam Qualitätsstandards zu entwickeln und deren Einhaltung gemeinsam zu fördern. Dazu gehören Content Creator, die jagdliche Industrie, Jagdverbände und weitere Partner bis hin zu Medien und Politik.
Jagdliche Ethik und Grundsätze der Öffentlichkeitarbeit sollen verpflichtend in bestehende Ausbildungsstrukturen wie Jagdscheinkurse, Forst- und Berufsjägerausbildung integriert werden. Ergänzend sollen Fortbildungen für erfahrene Jägerinnen und Jäger angeboten und regelmäßig weiterentwickelt werden.
Der DJV schafft moderierte Dialogräume und verstärkt seine digitalen und präsenzbasierten Formate zur Aus- und Fortbildung in diesen Bereichen. Ergänzend wird eine Zusammenarbeit mit anderen Fachverbänden, Forstämtern und Ausbildungsstätten aufgebaut, um Jungjägerinnen und Jungjägern nach der Ausbildung in lokale Jägerschaften einzubinden und langfristig zu halten.
Diese Position des DJV soll nicht als abgeschlossener Endpunkt, sondern als Grundlage für einen dynamischen Dialog innerhalb und außerhalb des Verbands verstanden werden. Um die Inhalte nachhaltig zu verankern, erstellt der DJV einen Aktionsplan Öffentlichkeitsarbeit, der konkrete Maßnahmen und Formate zur Umsetzung vorsieht. Ergebnisse sollen aktiv in die Öffentlichkeit getragen und zugänglich gemacht werden.
Der Prozess wird durch einen Ethikrat begleitet, der die Wahrung und Entwicklung der jagdethischen Positionen unterstützt, Impulse aus der Praxis aufnimmt und proaktive wie reaktive Positionierungen zu gesellschaftlich relevanten Ereignissen ermöglicht.
