Anikas kleine (Jagd-)Welt oder: auch DAS und eben so ist Jagd

Kleine Tiere ganz groß! (Quelle: Klein/DJV)
Kleine Tiere ganz groß! (Quelle: Klein/DJV)

Kinderferienprogramm

„Wir müssen dir noch etwas sagen.“ Misstrauisch hebe ich eine Augenbraue und schaue unseren Obmann fragend an. „Die Gemeinde hat ein paar Kinder mehr angenommen.“

Die Rede ist von dem jährlichen Kinderferienprogramm der Gemeinde, an dem sich Privatpersonen und Vereine beteiligen können. Wir bieten hier im Programmheft einen Nachmittag „Mit dem Jäger in den Wald“ an.

„Wie viele sind es denn dieses Jahr?“ frage ich vorsichtig.
Ich muss etwas auf die Antwort warten. „Es kommen 38 Kinder.“
Vor Schreck reiße ich beide Augen auf. „Wie - viele? Wie soll das denn funktionieren?“ Vor meinem inneren Auge sehe ich mich bereits in Wild-West-Manier durch den Wald rennen und per Lasso herumspringende Kinder einfangen. „Das klappt schon. Nachher gehen noch ein paar mehr von uns mit“ werde ich besänftigt.

Immerhin haben wir schon einmal mit dem Wetter Glück, bei einem Outdoortermin schließlich von großer Bedeutung. Vormittags schon schönster Sonnenschein, ein leichter Wind –optimal für einen Tag unter freiem Himmel.
Da so ein Kinderprogramm gut vorbereitet sein möchte, verstauen wir für die Waldbegehung jede Menge Anschauungsmaterial im Auto und starten damit ins Revier.
Fuchs und Dachs, die eigentlich mittlerweile im Wohnzimmer zuhause sind, werden wieder in die Natur verbracht, Getränke, Schautafeln und Tierfelle zum Fühlen und Anfassen im Wald verteilt.

„Ich wähle mir die zehn ruhigsten Kinder aus und ihr übernehmt den Rest“ versuche ich noch kurz vor Veranstaltungsbeginn vorzuschlagen, was aber von meinen Kollegen lachend abgelehnt wird.
Der vereinbarte Treffpunkt am Ortsrand füllt sich schnell und der Geräuschpegel steigt stetig an. Jedes Kind bekommt einen Namensanhänger aus Holz, ich blase die Begrüßung mit dem Jaghorn und schon setzt sich die quirlige Menge in Richtung Wald in Bewegung.

Vorbei an Maisfeldern und Wiesen erzählen wir von Wildschweinen und Rehen, die hier bei uns hauptsächlich vorkommen und davon, dass die Rehkitze im Frühjahr ganz alleine in den Wiesen abgelegt werden. „Ihr sucht die mit dem Hund“, „die Mama ist aber gar nicht weit weg“ und „man darf die nicht anfassen“ wissen unsere Ferienkinder bereits und melden sich eifrig zu Wort.
Weiter geht es jetzt durch den Wald und die Kinder beginnen, nicht mehr nur wie Fußgänger spazieren zu gehen, sondern nach Spuren und anderen bis daher verborgenen Geheimnissen zu suchen.
An einem großen See zeigen wir mit einem Entendummy aus Plastik, wie hilfreich ein Jagdhund beim Apportieren im Wasser ist, da ansonsten der Jäger selber losschwimmen müsste um an die Ente zu gelangen. Die Kinder kichern fröhlich und ein paar Jungs entwickeln alternative U-Boot Ideen.
Ich gehe ein paar Schritte seitlich am Seeufer entlang um besser fotografieren zu können.
Und natürlich auch, weil ich ja bereits weiß, dass nicht nur unser Wald, sondern auch so ein Jagdhund jede Menge Wasser speichern kann.
Die auf die Rückkehr des Hundes wartenden Kinder werden diese Erfahrung gleich erst machen.
Die Wasserarbeit erweist sich jedenfalls als riesen Spaß für Hund und Kinder, die sich jetzt darum streiten, wer den Dummy werfen darf. Bei manchen Kindern fliegt er steil nach oben um direkt vor dem Hund auf das Wasser zu klatschen, bei anderen donnert der Entendummy wie ein kleiner Querschläger an der Kindergruppe vorbei ins Schilf und bei wieder anderen Wurftechniken habe ich Bedenken, dass gleich das ganze Kind mitfliegt.
Mühelos könnten wir die verbleibende Zeit am See verbringen aber wir haben noch ein volles Programm und ein gutes Stück Weg vor uns liegen.

„Ich habe Hunger“, „ist es noch weit“ und kleine Kinderhände, die nach meinen greifen, dazu ein deutlich spürbarer Luftzug in meinem Nacken –die ersten Jungs haben sich im Wald mit ordentlichen Ästen eingedeckt die sie jetzt, ihre Mitmenschen wie mich völlig ignorierend, durch die Luft schwingen. Gefahren erläutert, Äste abgenommen, meine Kollegen und ich sind pausenlos damit beschäftigt, unsere Augen überall zu haben.

Ein weiteres Highlight des Ausfluges sind die Lupenbecher von Lernort Natur, kleine aufschraubbare Plastikbecher mit einem Vergrößerungsglas im Deckel –hiermit kann man kleine Tiere ganz groß machen und in Ruhe betrachten.
Gruppenweise verteilt, rennen jetzt die Kinder damit munter in alle Richtungen und die Ersten verschwinden schon auf Entdeckertour in einer Dickung. „Nicht so weit!“ rufe ich noch hinterher aber dann fällt mir auch wieder ein, dass ich mich ja um die ruhigeren Kinder kümmern möchte und schließlich sind auch ein paar sportliche Jäger dabei, die schon die Verfolgung aufnehmen.
Ich schließe mich einer Mädchengruppe an, die noch etwas ratlos auf der Lichtung steht. „Hier sind keine Tiere“ meint eine davon.
„Doch, doch –überall, ihr müsst nur genauer hinsehen“ muntere ich sie auf und fange an, Moos- und Rindenstückchen umzudrehen. Alleine.
„Na los, ihr müsst mir schon beim Suchen helfen“ fordere ich sie auf.
Ein Fehler, denn jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand, was in den Lupenbecher hinein kommt.
Und sie finden. Spinnen. Stolz wird mir das erste langbeinige Exemplar im Becher unter die Nase gehalten. Ich spüre, wie sich bereits die ersten Haare auf meinen Armen aufrichten, denn ich mag Spinnen einfach nur in ausreichendem Abstand zu mir.

Als nächstes wird ein Marienkäfer gefunden, der auch zur kurzfristigen Betrachtung den Becher mit der Spinne teilen soll.
Ich bin nicht ganz so betrübt wie die Kinder darüber, dass die Spinne bei dem Einpackversuch des Käfers entkommen kann.
„Da! Auf dir!“ Ich springe in die Luft. „Reingefallen“ kringeln sich die Kleinen jetzt vor Lachen. Meine Gruppe hat Spaß.

Wir ziehen weiter, suchen passende Bäume zu Rindenmustern, besuchen den Fuchsbau an dem noch unsere Präparate geduldig warten und verbringen einen vielseitigen Nachmittag. Gute vier Stunden später treffen wir wieder in unserer Scheune ein, wo noch eine kräftigende Mahlzeit auf die kleinen Naturbegeher wartet.

Ein kleiner Junge stemmt bei Abholung durch seine Eltern einen Arm in die Seite, schaut uns ernst an und sagt: „und nächstes Jahr komme ich auch wieder zu den Jägern!“

Wir hoffen natürlich, dass es auch allen Anderen gut gefallen hat und dass aus ihm einmal ein großer Jäger wird, der uns noch oft bei weiteren Aktivitäten begleiten wird.“

In diesem Sinne: schönes Wochenende euch!

Annika Klein, 2014