„Krass, ist das aufregend.“

Im Rahmen der Aktion „Gemeinsam Jagd erleben“ nahm DJV-Redakteurin und Jägerin Anna Martinsohn Nichtjägerin Lena mit auf den Hochsitz. Das gemeinsame Erlebnis hat Anna hier zusammengefasst. 

Gemeinsam Jagd erleben - Jägerin Anna nimmt Nichtjägerin Lena mit auf Jagd. (Quelle: Anna Martinsohn)
Gemeinsam Jagd erleben - Jägerin Anna nimmt Nichtjägerin Lena mit auf Jagd. (Quelle: Anna Martinsohn)

Als ich Lena in Berlin Tempelhof abhole, nieselt es leicht. In Brandenburg zucken Blitze über den tiefgrauen Himmel. Die Vorhersage für unseren gemeinsamen Abend: Starke Schauer, Gewitter, Wind aus wechselnden Richtungen. Geil, das kann was werden.

Der Regen prasselt so stark auf die Scheibe, dass man sich im Auto kaum noch unterhalten kann. 50 Minuten später leihen wir uns beim Pächter des Reviers einen Feldstecher und beziehen unseren schon etwas in die Jahre gekommenen aber wunderbaren Hochsitz. Lena ist Architektin und plant mehrstöckigen Holzbau. Sie hat noch nie etwas mit Jagd „am Hut“ gehabt, aber liebt es, einfach draußen in der Natur zu sein. Außerdem steht sie hinter den Konzepten von Regionalität, Ökologie und Nachhaltigkeit. Wir als Jäger ja auch – und eigentlich schon immer.

Wir sitzen, der Regen hört auf und der Wind stimmt. Trotz der schlechten Prognosen ist jetzt alles wieder offen.

Vor uns liegt ein frisch bestellter Acker in Ortsnähe. Zur rechten eine kleine Wiese mit Waldrand, zur linken eine wenig befahrene Straße und hinter uns ein Dorf in Brandenburg. Ich packe das Abendbrot aus. Es gibt belegte Brötchen, die ersten Radieschen aus dem Garten und Gummitierchen. Lena hat Kuchen dabei. Damit fangen wir an. Kaum ist das erste Stück verputzt, erscheint ein starkes Schmalreh und schüttelt sein Haar für uns. Kurz steht es in einer Korona aus tausend winzigen Regentropfen, die im zurückkehrenden Abendlicht glänzen. Ich bin erleichtert. Wenigsten Anblick. Einen Bock wollen wir erlegen und ich weiß auch schon welchen – nur muss er heute auch auftauchen. Kaum ist der Gedanke durch den Kopf, steht er da. Scheibenbreit. Ein Jährling mit etwa lauscherhoher Gabel. Im nächsten Moment ist er wieder im Wald verschwunden.

War das die eine Chance?

Anna, du bist eine Heldin. Ich schaue auf die Uhr und hoffe einfach laut: „Der kommt wieder.“

Ein wenig später erscheint das Schmalreh erneut am Waldrand. Wird der Bock folgen? Um die fühlbar aufkommende Spannung etwas zu nehmen, erzähle ich irgend etwas über Rehe. Dann steht er da mitten im Gebüsch. Wir setzen beide den Gehörschutz auf, ich hakele umständlich den Repetierer aus dem Fenster. Er dreht sich, zeigt uns sein Hinterteil, dann die hübsche Front und dann steht er endlich wieder scheibenbreit. Als ich schießen will, erscheint im Zielfernrohr plötzlich das Schmalreh hinter ihm. Finger vom Abzug. Ausatmen. Nochmal ansetzen. 

Der Hintergrund passt und ich schieße. Der Bock springt zurück in den Wald.

„Ich glaube, du hast nicht getroffen,“ sagt Lena.

Aus der Ferne ertönt das Jagdsignal „Reh tot“. Der Pächter hat nicht nur den Schuss gehört, sondern offenbar auch ein Horn griffbereit. Ich schreibe ihm eine SMS, dass es für Ehrungen dieser Art noch zu früh ist. Lena grinst.

Wir warten die üblichen Minuten. Jetzt fängt die quälende Zeit auf dem Hochsitz an. Der Puls schnellt hoch und die Ungewissheit nagt am Einschätzungsvermögen. Ich erkläre Lena, was in mir vorgeht. Das schöne ist, ihr geht es genau so: „Ich weiß gar nicht, ob ich diese Verantwortung tragen könnte oder wollte.“

Als wir zum Anschuss kommen, ist sie es, die sofort den Schweiß sieht. „Schau mal da, überall!“ Es ist Lungenschweiß und nicht zu knapp. Wie ein Hund folgt sie der Fährte. 20 Meter weiter im Bestand liegt der Bock. „Krass, ist das aufregend“, sagt Lena. Finde ich auch. Immer noch. Nach 14 Jahren.

Sie macht Fotos, während ich aufbreche. Wir begutachten die Organe und schauen nach Auffälligkeiten, aber alles ist in Ordnung. Der Pächter kommt dazu und gratuliert. Ich bedanke mich, dass ich den Zukunftsbock des Revieres erlegen durfte, zeige mich aber zuversichtlich, dass es durchaus noch weitere aussichtsreiche Kandidaten gibt und weise auf den kulinarischen Vorteil eines jungen Alters hin.

Gemeinsam Jagd erleben - Jägerin Anna nimmt Nichtjägerin Lena mit auf Jagd.

Lena und Anna auf dem Hochsitz.
Brotzeit mit Radieschen und Kuchen bei fantastischer Aussicht. Gibt es Besseres als das? Nicht wirklich.
Am Acker sehen wir später nichts mehr. Die Kamera auch nicht.
Reinecke kam, roch uns und floh mit wehender Lunte.
Reh tot (Lenas Sicht).
Lenas Sicht der Dinge.

Es ist noch früh am Abend und eigentlich könnten wir noch zum anderen Acker, schlägt der Pächter vor. Dort hatte ich zwei Tage zuvor 15 Sauen gesehen. Der Mais ist frisch gesät und soll „verteidigt“ werden. Als wir auf dem Hochsitz unsere Sachen packen, taucht plötzlich ein Fuchs am Waldrand auf. Wir beobachten den Fuchs, bis er auf unsere frische Fährte kommt und bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Aufgeregt zieht er ab.

Als der Bock in der Kühlung hängt, setzen wir uns an einem Streifen Mais zwischen Getreide- und Rapsacker an. Der Wind ist schlecht. Wenig später dreht er komplett, um dann wieder zu drehen. Jetzt weiß der ganze Acker, dass wir hier sind. Ein Reh flieht aus dem Raps in Richtung Wald und es wird immer dunkler. Wir brechen ab und beenden den Ausflug für heute. Auf Einladung kommen wir zum Grillen zu einem Waidgenossen. Es gibt Hirschschinken und Wildschwein vom Grill. Lena sagt, sie hat im wahrsten Sinne des Wortes „Blut geleckt“ und würde gern wieder mitkommen. Ich schenke ihr mein kleines Jägerrecht, empfehle Apfel und Zwiebeln dazu und ich bin sicher, dass das nicht unser letzter Jagdausflug war.

Achso, woher ich Lena kenne? Ich habe sie im März auf einer Mitfahrgelegenheit kennen gelernt.