„Eine geringe Scheu vor Menschen kann nicht akzeptiert werden“

Wenn sich der Wolf in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft weiter ausbreitet, wird es häufiger zu Begegnungen zwischen Mensch und Wolf kommen. Dr. Norman Stier erklärt wie man sich richtig verhält, wenn man auf einen neugierigen Wolf trifft.

Dr. Norman Stier (Quelle: Norman Stier)
Dr. Norman Stier (Quelle: Norman Stier)

Dr. Norman Stier ist Mitarbeiter der AG Wildtierforschung an der Professur für Forstzoologie der TU Dresden und Koordinator des Wolfsmonitorings in Mecklenburg-Vorpommern. Der Deutsche Jagdverband (DJV) interviewte ihn zum Wolf in Deutschland. 

DJV: Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein: Derzeit häufen sich Meldungen, dass einzelne Wölfe in der Nähe von Menschen auftauchen und trotz geringer Distanzen nicht flüchten. Wie ist das zu beurteilen?

Dr. Norman Stier: Es zeigt ein Verhalten, das vom Wolfsmanagement nicht gewollt ist und auch nicht akzeptiert wird. Die meisten Managementpläne oder andere Dokumente, die den Umgang mit Wölfen in Deutschland regeln, sehen Maßnahmen vor, um dies abzustellen. Im ersten Schritt ist vorgesehen, zu versuchen, diesen Tieren die nicht gewünschten Verhaltensweisen abzugewöhnen, auch wenn das sehr schwierig ist. Erst im zweiten Schritt sollen solche Individuen der Population entnommen werden, damit keine für Menschen gefährlichen Situationen entstehen können und die Akzeptanz der Art in der Bevölkerung nicht gefährdet wird.

Menschen haben kürzlich einen Wolf in einer Schafherde auf frischer Tat ertappt. Obwohl sie sich bis auf wenige Meter näherten, ließ sich der Wolf erst nach einer ganzen Weile vertreiben. Wie ist der aktuelle Fall in Schleswig-Holstein zu beurteilen?

Es handelte sich scheinbar um einen Wolf, die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen liegen jedoch noch nicht vor. Das Tier hatte offensichtlich eine extrem geringe Scheu vor Menschen, die kritisch zu sehen ist und nicht akzeptiert werden kann. Solche Fälle sind durch das Wolfsmonitoring intensiv zu beobachten und zu analysieren. Nach Auswertung der Sachlage insgesamt, muss das Wolfsmanagement des jeweiligen Bundeslandes über den Umgang mit solchen Individuen entscheiden.

Die Scheu von Wölfen wird erheblich durch Umwelteinflüsse bestimmt. Negative Erfahrungen – etwa ein überlebter Verkehrsunfall oder Stromkontakt an Weidezäunen in der Nähe zu menschlichen Siedlungen – erhöhen diese. Positive Erfahrungen – etwa Fütterung oder Duldung in der Nähe von Menschen – verringern die Scheu. Wie sich Wölfe gegenüber dem Menschen verhalten, hängt oft auch von der Scheu der Elterntiere ab.

Was sind Merkmale für auffällige Wölfe? Und wie sehen mögliche Maßnahmen aus?

Wolfswelpen, auch wenn sie schon körperlich ausgewachsen sind, können neugierig sein und teilweise eine geringe Fluchtdistanz haben, was als „normal“ angesehen wird. Sobald aber körperlich ausgewachsene Wölfe gezielt Menschen aufsuchen, die sie wahrgenommen haben, oder sich auf Distanzen von unter 50 m nicht vertreiben lassen, sollte deren Verhalten überwacht werden. Maßnahmen, die das Verhalten bzw. die Fluchtdistanz verändern, können der Beschuss mit Gummigeschossen oder das Abschießen von Knallkörpern sein. Mittels Telemetrie können solche Tiere und der Erfolg der Maßnahmen überwacht werden. Um ein Tier der Population zu entnehmen, kommt im Grunde nur der Abschuss in Frage, da erwachsene, in freier Wildbahn groß gewordene Wölfe in Gefangenschaft nicht tierschutzkonform untergebracht werden können.

Wie sollten Menschen reagieren, die auf Wölfe treffen, die offensichtlich neugierig sind und die Nähe regelrecht suchen?

Man sollte versuchen diese Tiere mit lautem Rufen und Bewegungen zu vertreiben und sich dann zurückziehen. Besonders wichtig ist, dass dieser Vorgang  sofort  an das Wolfsmonitoring des Bundeslandes gemeldet wird, damit entsprechend schnell reagiert werden kann.

Gibt es besondere Verhaltensregeln für den Ausflug mit Hunden in bekannte Wolfsgebiete?

Im Wolfsgebiet sollten Hunde grundsätzlich angeleint geführt werden und auf keinen Fall sich weit entfernt vom Führer freilaufend bewegen. Wölfe sehen Hunde unter Umständen als Konkurrenten an, die ihr Revier übernehmen wollen. Hieraus können sich für Hunde gefährliche Situationen ergeben.

Was ist beim Einsatz von Jagdhunden bei Drückjagden in Wolfsgebieten zu beachten?

Wie der Einsatz von allein jagenden Elchhunden in Schweden zeigt, kann eine erhöhte Gefahr von Wölfen für Hunde ausgehen. Die mittlerweile sehr umfangreichen Erfahrungen von Stöberhundjagden aus Deutschland zeigen, dass bisher nur wenige Begegnungen von Hund und Wolf auf solchen Jagden bekannt wurden und keine tödlichen Übergriffe auf Stöberhunde übermittelt wurden. Das zeigt, dass die Gefährdung von Stöberhunden in Deutschland deutlich geringer erscheint als z.B. der Elchhunde in Schweden. Trotzdem besteht immer das Risiko, dass Wölfe Stöberhunde angreifen. Der Einsatz von Hunde-Schutzwesten kann dieses Risiko weiter minimieren. Grundsätzlich ist eine Ausstattung der Jagdhunde mit GPS-Sender zu empfehlen.

Nachsuchen mit Schweißhunden im Wolfsgebiet sind ungefährlich, wenn der Hund bis ans Stück am Riemen arbeitet. Er sollte nur geschnallt werden, wenn sich das kranke Stück unmittelbar vor dem Nachsuchengespann befindet.

Welchen Beitrag können Jäger liefern, wenn es um den Wolf geht?

Aus meiner Sicht ist der wichtigste Beitrag, den sie liefern können und auch sollten, sich intensiv ins Monitoring einzubringen, denn Jäger haben dafür die besten Voraussetzungen. Die Bekanntgabe realistischer Bestandeszahlen, die ja auch von Jägern gefordert wird, kann nur gelingen, wenn die bei der Jagd anfallenden Monitoringdaten zum Wolf auch weitergegeben werden. Hiermit tun sich viele Jäger noch schwer, weil sie die Bedeutung dieser Daten auch in der Diskussion um die Höhe der Wolfspopulation noch nicht voll erkennen.

Für die Zukunft einer nachhaltigen Schalenwildbewirtschaftung trotz Anwesenheit von Großraubtieren werden umfangreiche Daten zum Einfluss der Großraubtiere auf die Beutetierpopulationen benötigt, da die Anteile des gefressenen Wildes bei der Abschussplanung und Festsetzung unbedingt berücksichtigt werden müssen. Deshalb ist es wichtig, dass in die Ermittlung entsprechender Daten investiert wird und sich Jäger beim Sammeln solcher Daten intensiv beteiligen.