DJV-Position zu Wald und Klimawandel

Forst und Jagd - gemeinsam für die Zukunft des Waldes

Wälder liefern den natürlichen Rohstoff Holz, sind bedeutend für Klima-, Erosions- und Wasserschutz sowie Erholung. Sie sind wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren. (Quelle: Canva/ DJV)
Wälder liefern den natürlichen Rohstoff Holz, sind bedeutend für Klima-, Erosions- und Wasserschutz sowie Erholung. Sie sind wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren. (Quelle: Canva/ DJV)

Wälder liefern den natürlichen Rohstoff Holz, sind bedeutend für Klima-, Erosions- und Wasserschutz sowie Erholung. Sie sind wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren. Dürre, Waldbrände, Schädlinge und Stürme haben dem deutschen Wald in den vergangenen Jahren sehr zugesetzt. Als Lösung wird ein großflächiger Umbau hin zu klimastabilen Mischwäldern angesehen. Verschiedene Seiten fordern deshalb, dem Waldumbau Vorrang gegenüber dem Wild einzuräumen und Wildbestände drastisch zu reduzieren. Der DJV kritisiert diese einseitige Sichtweise. Trotz extrem angestiegener Strecken in den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich das Waldbild bundesweit gesehen kaum verändert.

Die rund 384.500 Jäger nehmen ihre Verantwortung ernst und erfüllen zumeist staatliche Abschusspläne: Allein im vergangenen Jagdjahr haben sie knapp 1,2 Millionen Rehe und 77.000 Rothirsche erlegt. Nach wie vor dominieren allerdings die besonders anfälligen Arten Fichte und Kiefer den Wald. Insgesamt machen Nadelbäume immer noch 56 Prozent des Gesamtbestandes aus - die erwünschte Mischung hin zu mehr Laubbäumen ist nur marginal erfolgt. Der Anteil von Laubbäumen stieg laut Bundeswaldinventur von 2002 bis 2014 um 7 Prozent. Ratlos erkennen die Forstleute derzeit zudem, dass die Buche, auf die man verstärkt beim Waldumbau gesetzt hat, offenbar nicht die gewünschten klimaplastischen Eigenschaften hat. Deutschlandweit kommt es derzeit zu einem Absterben von Altbuchenbeständen infolge des Klimawandels.    

Die Jagd kann einen Beitrag zum Waldumbau leisten, aber die verstärkte Bejagung von Reh und Rotwild allein ist keine Lösung, sondern nur ein Instrument. „Waldumbau mit der Büchse“ ist zu kurz gedacht. In den Wäldern der öffentlichen Hand läuft der Waldumbau seit über 30 Jahren. Ebenso lange wird dort von überhöhten Wildbeständen gesprochen. Diese Tatsache wirft die Frage auf, warum die verantwortlichen Akteure die Situation nicht in den Griff bekommen oder ob es dieses Problem vielleicht gar nicht gibt. Der DJV fordert Bund und Länder auf, in ihren Wäldern, die etwa die Hälfte der Waldfläche Deutschlands ausmachen, ihrer Vorbildfunktion für den Waldumbau gerecht zu werden und Lösungen in Zusammenarbeit mit der Jägerschaft aufzuzeigen und umzusetzen.

Schadgeschehen durch Insekten wie den Borkenkäfer finden bevorzugt in Schutzgebieten statt, zum Beispiel im Harz. Schadholz wird dort nicht entfernt und begünstigt weiteren Schadbefall, auch in den umgebenden Wirtschaftswäldern. Zukunftsweisende Waldkonzepte müssen künftig auch Schutzgebiete im Staatswald einbeziehen. Der DJV fordert deshalb, entsprechende Schutzgebietsverordnungen zu überarbeiten: Die Bekämpfung von Schadinsekten und Jagd müssen überall in Deutschland möglich sein.

Aktuelle Großbrände auf ehemaligen Truppenübungsplätzen, die in der Regel auch Schutzgebiete sind, zeigen: Bund und Land müssen Korridore für die Brandbekämpfung schaffen, die frei sind von gefährlichen Munitionsresten.

Artenvielfalt im Wald ist nicht auf wenige, zumeist wirtschaftlich interessante Baumarten beschränkt. Sie schließt Sträucher und krautige Pflanzen ebenso wie Tierarten ein. Wälder müssen geeignete Lebensräume für Wildtiere sein, ein verantwortungsbewusster Waldumbau kann deshalb nur unter der Prämisse „Wald mit Wild“ erfolgen. Das Ökosystem Wald definiert sich auch im „Wirtschaftswald“ über Vegetation, Tierwelt, das gesamte Nahrungsnetz und die herrschenden abiotischen Faktoren wie Niederschlag, Temperatur oder Nährstoffversorgung.

Wildschäden hängen von vielen Faktoren ab

Wildtiere, auch Schalenwild, finden im Wald Rückzugsräume und Nahrung. Sie nehmen positiven Einfluss auf die biologische Vielfalt, indem sie z.B. Samen verbreiten und durch die natürliche Nahrungsnutzung krautiger und holziger Pflanzen Lebensräume für seltenere Arten mitgestalten. Diese natürlichen Einflüsse auf das Ökosystem sind kein Wildschaden. Dieser definiert sich als Kollision unterschiedlicher menschlicher Nutzungsansprüche und den Bedürfnissen von Wildtieren. Ein für beide Seiten tragbarer Kompromiss erfordert immer eine lokale Analyse der Wildschaden verursachenden Faktoren und ein gemeinsames lokales Handeln.

Allein durch den verstärkten Abschuss von Pflanzenfressern wie Reh und Rothirsch können Verjüngung und Ziele des Waldumbaus nicht erreicht werden. Verschiedene Faktoren beeinflussen das Auftreten und den Umfang von Wildschäden (Verbiss, Fege- und Schälschäden an Bäumen) im Wald:

  • Alternatives Nahrungsangebot: Kraut- und Strauchvegetation fehlen vielerorts in Wäldern, würden aber Nahrung für Reh und Rothirsch bieten.
  • Wildruhezonen: Durch einen zonal uneingeschränkten Nutzungsdruck (Forst-, Jagd- und Freizeitaktivitäten) findet das Wild zu wenige notwendige Rückzugsorte.
  • Lokales Raum-Zeitverhalten der Wildarten: Der Lebensraum vieler Wildtiere umfasst Wald und Feld gleichermaßen, die landwirtschaftliche Fläche ist für sie besonders im Winter unattraktiv. Das Risiko von Wildschäden im Wald steigt wegen fehlender Deckung und Nahrung in der Feldflur in dieser Zeit.
  • Jagdkonzepte: Unzureichende Kommunikation zwischen Waldeigentümer und Jäger über waldbauliche Ziele und Jagdkonzepte (z.B. lokale Schwerpunkte für die Bejagung gemeinsam festlegen, großangelegte Revier übergreifende Bewegungsjagden).
  • Forstbetriebsmanagement: Derzeitiger Personalmangel erschwert Schutz, Kontrolle und Pflege von Neupflanzungen. In 25 Jahren hat sich beispielsweise die Zahl der Förster in Deutschland halbiert.
  • Anwesenheit von großen Raubsäugern: Wolf und Luchs breiten sich in Deutschland weiter aus und beeinflussen das Verhalten des Wildes und dessen Bejagbarkeit.


Forderungen des DJV

  • Wildökologische Aspekte müssen bereits in der forstlichen Planung Berücksichtigung finden. Dies betrifft z.B. die Baumartenmischung, Walderschließung und forstliche Pflegemaßnahmen. Begleitend zu waldbaulichen Maßnahmen müssen jagdliche Eingriffe beim Schalenwild erfolgen. Die jetzige Situation bietet auch die Chance, im Wald unbejagte Äsungsflächen anzulegen, um den Verbissdruck auf die neu entstehenden Kulturen zu verringern.
  • Eine Beurteilung von „angemessenen“ Schalenwilddichten nur auf Basis von „Verbissprozenten“ ohne Analyse des real zur Verfügung stehenden Lebensraums ist nicht geeignet die Forst-Jagd-Frage zu lösen. Für eine objektive Schadensbewertung und Einschätzung eines tragbaren Wildbestandes muss wenigstens ansatzweise die Lebensraumqualität nach folgenden Kriterien bewertet werden:
    • Deckungsschutz
    • Äsungsangebot im Sommer- und Winterhalbjahr
    • Störung der Raumnutzung des Wildes durch menschliche Aktivitäten
    • Zerschneidung des Wildlebensraums, insbesondere durch Siedlungen und Infrastruktur
  • Wildtiere wie Reh und Rothirsch, Bilche, Feldhasen, Eichhörnchen oder Mäuse gehören zum Ökosystem Wald. Der DJV fordert, dass bei einem Umbau hin zu klimastabilen Wäldern Rückzugs- und Nahrungsräume für Wildtiere neben den menschlichen Nutzungsinteressen berücksichtigt werden müssen.
  • Wildruhezonen schaffen: Das freie Betretungsrecht des Waldes sollte eingeschränkt werden. Ein Wegegebot beeinträchtigt nicht die Erholungsfunktion des Waldes für den Menschen. Eine Leinenpflicht für Hunde muss im Wald selbstverständlich sein. Ziel sind störungsarme Rückzugsräume für Wildtiere.
  • Mut zur Lücke: mosaikartig Flächen mit Kraut- und Strauchvegetation einer natürlichen Entwicklung überlassen - ohne ökonomische Interessen. Dies fördert die Artenvielfalt und die natürliche Äsung. In diesem Kontext ist auch die natürliche Entwicklung von Waldaußen- und -innenränder zu sehen.
  • Jagdschneisen sollten bei großflächigen Neuanpflanzungen angelegt werden. Durch intensive Jagd kann der Verbissdruck auf gefährdeten Verjüngungsflächen (z.B. nach Sturmereignissen) gesenkt werden.
  • Mehr Personal für Waldumbau: der Rationalisierungs- und Kostendruck in der Forstwirtschaft hat seit den 1990er Jahren zu einem massiven Stellenabbau in den Forstbetrieben geführt. Maßnahmen zur Kultursicherung und -pflege, die ehemals zur „guten forstlichen Praxis“ gehörten, werden heute nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr durchgeführt. Der DJV begrüßt deswegen die Forderungen von Politik und forstwirtschaftlichen Interessenvertretern nach mehr Personal im Wald. 
  • Die Aus- und Fortbildung im Bereich Jagd im Hinblick auf waldverträgliches Jagen, sowie im Bereich Forst im Hinblick auf wildverträgliches Wirtschaften ist zu intensivieren.
  • Die Energiewende ist grundsätzlich im Interesse aller Umwelt- und Naturschutzverbände. Beim Ausbau erneuerbarer Energien werden für Windkraft verstärkt Waldstandorte in Betracht gezogen. Der mit der Errichtung verknüpfte Flächenverbrauch (ca. 5000 Quadratmeter pro Einzelanlage) führt insbesondere in altersgleichen Forstmonokulturen zu einer Destabilisierung der Bestände gegenüber Stürmen oder Schadinsektenbefall. Weiterhin gefährden Windkraftanlagen im Wald besonders Fledermäuse und zahlreiche Vögel, auch seltene Arten wie Schwarzstorch und Uhu. Betroffen sind ebenso Greifvögel wie Rotmilan, für dessen Schutz Deutschland eine besondere Verantwortung hat, da hierzulande etwa 60 Prozent des weltweiten Bestands dieser Rote-Liste-Art leben. Aus Sicht des DJV erfordert die Windenergienutzung im Wald eine qualifizierte Auswahl von Ausschluss- und Vorranggebieten, die kumulative Auswirkungen von Windparks auf regionale Populationen berücksichtigt. Fragen des Natur- und Artenschutzes müssen im Rahmen einer ökologischen Raumplanung auf Basis einheitlicher Kriterien geklärt werden.