"Die Bilderbuchromantik hat wenig mit der Realität in Afrika zu tun"

Die Jägerin und Wissenschaftlerin Brittany Longoria wird angefeindet, weil sie einen Leoparden erlegt hat. In einem Interview erklärt sie, was Naturschutzarbeit in Afrika bedeutet. Und warum ein alter Leopard eine Gefahr für Nutztiere ist.

Brittany Longoria ist Wissenschaftlerin und Jägerin (Quelle: Longoria/DJV)
Brittany Longoria ist Wissenschaftlerin und Jägerin (Quelle: Longoria/DJV)

#findthisbitch: Mit diesem Hashtag und einem von einer US-Website kopierten Bild tritt ein amerikanischer Tierrechtler eine Lawine los. Beihilfe erhält der bis dato unbekannte Tierrechtler von Prominenten wie Naomi Campbell, die das illegal kopierte Bild auf Instagram weiter teilen. Blanker Hass ergießt sich über Brittany Longoria, Jägerin und Wissenschaftlerin, die sich lange Jahre im praktischen Artenschutz in Ost- und Südafrika engagiert hat. Ihr Vergehen in den Augen der weltweiten Tierrechtsszene? Longoria hat einen Leoparden erlegt. Die deutsche Delegation des Internationalen Rates zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) und der Deutsche Jagdverband (DJV) konnten mit der Jägerin sprechen, die sich aktuell einem Phänomen ausgesetzt sieht, das nichts anderes ist als eine mediale Hetzjagd.

DJV/CIC: Frau Longoria, wie geht es Ihnen?

Brittany Longoria: Ich finde es grotesk was hier passiert. Menschen, die mich und meine Arbeit nicht kennen, die Afrika und die Bedingungen vor Ort nicht kennen, fällen aufgrund eines Bildes ein Urteil über mich und wünschen mir den Tod. Prominente, deren Lebensleistung darin besteht ein hübsches Gesicht über die Laufstege dieser Welt zu tragen, sorgen für die Verbreitung eines illegal kopierten Fotos und damit bewusst für Aufmerksamkeit auf Kosten eines anderen. Natürlich belastet mich das. Andererseits kann ich mir bei so viel Unaufgeklärtheit ein erstauntes Lächeln nicht verkneifen. Ich habe sehr viele Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Ich weiß, dass ein erlegtes Großraubtier dem Bauern in Afrika nicht mal ein Schulterzucken entlocken würde. Die Bilderbuchromantik westlicher Schreibtischnaturschützer hat wenig mit der Realität in Afrika zu tun.

Wie gehen Sie mit dem Rummel um Ihre Person und den Kommentaren auf Ihren Seiten in den sozialen Medien um?

Fakt ist: Das Bild wurde illegal heruntergeladen und ohne mein Einverständnis vervielfältigt. Auch das WWW ist kein rechtsfreier Raum und dagegen gehe ich mit meinen Anwälten vor. Gleiches gilt für Beleidigungen oder Aufrufe zu Gewalttaten wie Mord. Anonymität im Netz hilft nicht und IP-Adressen lassen sich ermitteln. Strafzahlungen, die hieraus entstehen, werde ich alle in Artenschutzprojekte vor Ort reinvestieren. Auf meinen eigenen Seiten moderiere ich mit Freunden von mir und Menschen, die verstehen, wie praktischer Artenschutz funktioniert und die diesen wie ich leben. Praktischer Artenschutz in Afrika bedeutet Hände schmutzig machen und nicht nur wissen, wie man ein Smartphone bedient oder Spendengelder generiert.

Das Bild, das so für Furore im Netz sorgt, zeigt Sie mit einem Leoparden, den Sie im Juli in Namibia erlegt haben. Warum jagt man Leoparden?

„Mein“ Leopard war über zwölf Jahre alt. Seine Eckzähne waren bis auf die Wurzeln abgebrochen, sein Kopf und Hals voll von Narben aus Kämpfen mit jüngeren, gesünderen und kräftigeren „Toms“. Er hat das, was wir beim Menschen mit Zenit beschreiben würden, deutlich überschritten. Für den Leoparden bedeutet das, im Territorium anderer Leoparden nicht geduldet, bekämpft und vertDie Eckzähne des Leoparden waren bis auf die Wurzeln abgebrochenrieben zu werden. Das sind Kämpfe, die Verletzungen oder den Tod nach sich ziehen. Diese Einzelgänger greifen aufgrund ihrer körperlichen Verfassung gerne auf Nutzvieh über. Kälber und Ziegen sind leichte Beute, wodurch es schnell zu Konflikten mit den Bauern kommt. Für die Bauern ist das Nutzvieh überlebensnotwendig. Geschieht das, werden Großräuber wie Leopard oder Hyäne Opfer von illegaler Wilderei. Sie werden beispielsweise an ausgelegten Ködern vergiftet. Hier kommt die regulierte Jagd ins Spiel: Die Jagd auf Leoparden ist in Namibia streng reguliert und folgt der CITES-Quotenregulierung. Eine solche „Permit“ hatte ich. Das Geld, dass der Staat, der Farmer oder das Dorf aus dieser Permit einnimmt, fließt in Schutzmaßnahmen für das Vieh und in den Erhalt der Lebensräume der Leoparden und seiner Beute. Afrika funktioniert so. „What pays, stays.“ Was einen Wert hat, wird geschützt. Ansonsten wird es als Konkurrenz um Ressourcen angesehen und bekämpft.

Was bedeutet für Sie persönlich diese Jagd? Erfüllt sie Sie mit Stolz, , wie in den Hasskommentaren dargestellt?

Namibia beherbergt die größte Leopardendichte in Afrika und die Erlegung dieses alten Leoparden hat keinen Einfluss auf den Fortbestand oder die Population. Ich habe gezielt diesen Leoparden erlegt, weil die selektive Jagd auf solche alten Einzelgänger eine Herausforderung an das Können eines Jägers stellt. Ich, Brittany Longoria, bin stolze Jägerin. Finde heraus, wer ich bin. Aber an den Pranger stellen lasse ich mich nicht. Ich bin mit mir im Reinen und ja - ich war schlauer als dieser Leopard.

Was raten Sie anderen Jägern, die im Ausland jagen?

Tut weiterhin, was ihr tut und tut das mit mehr Empathie. Eure „hunters dollars“ sind wichtig für den Wildtierschutz und die Erhaltung von Lebensräumen. Sprecht mehr darüber, was euer Geld dort unten bewirkt! Wir haben es zu lange versäumt auf die Zusammenhänge von nachhaltiger Jagd und ihrer Bedeutung für die Menschen vor Ort und den Artenschutz in Ländern wie Namibia oder Südafrika hinzuweisen.

Wie sieht Ihr Appell an die Kritiker aus?

„Don’t judge a book by its cover“ - setzt euch mit der Situation und den Menschen vor Ort auseinander. Hört auf in Schubladen zu denken. Seid offen für Dinge, die ihr nicht kennt. Bereist diese Länder auch außerhalb von gut behüteten Nationalparks mit ihren Hochglanzbroschüren. Und achtet einmal darauf, was ihr dort unten essen werdet, wenn ihr euch nicht gerade vegetarisch ernährt: Neben Rind werdet ihr Kudu, Oryx oder Eland auf den Speisekarten finden - und die hat niemand „totfotografiert“.