Wildschweine profitieren vom Klimawandel

Österreichische Wissenschaftler werten Daten aus 12 Ländern und 150 Jahren aus

Frischlinge im Schnee (Quelle: Niesters/DJV)
Frischlinge im Schnee (Quelle: Niesters/DJV)

Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen eindeutig nachzuweisen, dass Wildschweine sogar über Klimazonen hinweg von immer milderen Wintern profitieren.  Diese seien europaweit Hauptursache für den Anstieg der Wildschweinbestände, so die Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien. In kälteren Regionen Europas sei der Einfluss des Klimawandels und der damit milderen Winter auf das Anwachsen der Wildschweinpopulation größer als in wärmeren Regionen, so die Forscher. Selbst überdurchschnittlich kalte Winter, die sporadisch auftauchen, hätten kaum mehr negative Effekte auf die Population. Dies liege nach Angaben der Experten des universitätseigenen Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie an ausreichend vorhandener natürlicher Nahrung durch Bucheckern. Sogenannte Mastjahre mit besonders ergiebiger Samenproduktion hätten seit den 1980er Jahren in ihrer Häufigkeit deutlich zugenommen. Die Wissenschaftler haben für ihre Studie Jagdstatistiken aus 150 Jahren für 69 Regionen aus 12 europäischen Ländern ausgewertet. Ihre Schlussfolgerung: Der Klimawandel beeinflusse die Populationsentwicklung direkt, indem die Flaschenhalsfunktion von kalten Wintern auf Überleben und Reproduktion bei Wildschweinen nahezu gänzlich fehle. Indirekt sorge der Klimawandel darüber hinaus für immer mehr Futter: Buchen produzieren immer häufiger große Mengen energiereicher Samen. Bucheckern aber auch Eicheln sind dann vom Herbst bis zum folgenden Frühjahr verfügbar. Heranwachsende Wildschweine können so selbst harte Winter überleben und erwachsene Tiere können Energiereserven anlegen für die Fortpflanzung, folgern die Forscher.

Wildschweine sind laut Wissenschaftlern anpassungsfähige Generalisten und können deshalb besonders gut vom Klimawandel profitieren - anders als Rehe, die zu den Spezialisten zählen. Weibliche Wildschweine (Bachen) bekommen beispielsweise durchschnittlich 5 Junge pro Wurf, der Zeitpunkt der Geburt ist im Jahresverlauf flexibel mit Schwerpunkt im Frühjahr. Zudem können Wildschweine bei guter Nahrungsgrundlage bereits im Geburtsjahr geschlechtsreif werden und erreichen ein Alter von bis zu 12 Jahren. Zum Vergleich: Rehe gebären nur 1 bis 2 Kitze in einem engen, gleichbleibenden Zeitfenster im späten Frühjahr. Die Geschlechtsreife bei Rehen tritt erst im zweiten Lebensjahr ein.

Anbauflächen Mais und Raps in Deutschland seit 1960 Der Deutsche Jagdverband (DJV) hat bereits mehrfach auf den Zusammenhang von Klimawandel und Anstieg der Wildschweinpopulation hingewiesen. Europaweit ist das Wildschwein auf dem Vormarsch und besiedelt inzwischen sogar kältere Bergregionen in Österreich und in der Schweiz. Mit Dänemark und Schweden hat der anpassungsfähige Allesfresser auch Nordeuropa erobert. Durch Jagd lässt sich das Anwachsen der Population zwar auf regionaler Ebene effektiv eindämmen, eine weitere Ausbreitung des Wildschweins kann jedoch nicht verhindert werden. Unter anderem deshalb, weil der Mensch die Kulturlandschaft in den vergangenen 30 Jahren massiv umgestaltet hat. So stieg die Anbaufläche von Raps und Mais in diesem Zeitraum um das 26-fache, der Ertrag pro Fläche - und damit die verfügbare Wildschweinnahrung - hat sich auf deutschen Feldern nahezu verdreifacht. Zudem sorgt der derzeit laufende Umbau zu naturnahen Wäldern mit hohem Buchenanteil in den nächsten Jahrzehnten großflächig für weitere Nahrung.

Anlässlich der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) von Russland bis in die Europäische Union fordert der DJV von der Politik weitere Anreize für die Bejagung von Wildschweinen in Deutschland, etwa den Erlass der Gebühren für Trichinenproben bei Frischlingen. Sie sind mit über 50 Prozent an der Reproduktion beteiligt.

 

Zur wissenschaftliche Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien.