"Querungshilfen gehören inzwischen zum Standard"

Grünbrücke bei Negernbötel, Schleswig-Holstein (Quelle: DJV)
Grünbrücke bei Negernbötel, Schleswig-Holstein (Quelle: DJV)

„Was wir hier in Schleswig-Holstein sehen, ist geradezu vorbildlich.“ Marita Böttcher vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) zeigte sich begeistert auf der Tagung „Wiedervernetzung von Lebensgemeinschaften in Schleswig-Holstein“. „Für den Straßenbau in Schleswig-Holstein gehört beim Autobahnneu- und -ausbau die Anlage von Querungshilfen für Tiere und Pflanzen inzwischen zum Standard.“ Mehr als 40 Fachleute aus Straßenbau, Verwaltung, Forst, Jagd und Naturschutz aus ganz Deutschland waren kürzlich der Einladung des BfN und des Landesbetriebes Straßenbau und Verkehr (LBV.SH) nach Flintbek, Schleswig-Holstein, gefolgt, um über aktuelle Forschungsergebnisse zur „Vernetzung von Lebensräumen für Wildtiere über trennende Straßen und Autobahnen hinweg“ zu diskutieren.

„Die Vernetzung der Grünbrücken mit dem landesweiten Biotopverbundsystem wird vom Naturschutz sichergestellt“, so Böttcher. „Durch die enge Zusammenarbeit aller Partner, auch mit der Universität Kiel, fließen die dabei gewonnenen Forschungsergebnisse schon bei der Planung direkt in die Verbesserung neuer Grünbrücken und deren Einbettung in die Landschaft ein. Das hat Modellcharakter für ganz Deutschland.“

„Wildtiere brauchen ein Wegenetz“

Eine der größten Brücken für die heimische Tierwelt wird derzeit von der Via Solutions Nord GmbH & Co. KG auf der A7 bei Brokenlande gebaut. Die 60 Meter breite Grünbrücke ist die erste Querungshilfe für Flora und Fauna über die wichtigste Nord-Süd-Achse, eine zweite wird bei Bad Bramstedt entstehen. „Die A7 verbindet Norddeutschland und Skandinavien mit dem europäischen Verkehrsnetz und ist daher für uns Menschen von großer wirtschaftlicher Bedeutung“, erklärte Christian Merl von der Via Solutions Nord. „Genauso wichtig wie die A7 für unsere Mobilität, ist die erste Grünbrücke über die A7 für das Überleben der Tiere und Pflanzen, die bei uns heimisch sind. Auch unsere Wildtiere brauchen ein Wegenetz, damit sie von Lebensraum zu Lebensraum wandern können.“ Die Gestaltung der Habitate auf und um diese Brücke entscheide, ob sie ihre Funktion erfüllen kann oder nicht. „Wir wollen beim Bau der Grünbrücken das Optimum für die Natur herausholen. Deshalb stimmen wir uns eng mit den Naturschutz- und Forstbehörden, dem Wiedervernetzungsprojekt und natürlich den Fachleuten vor Ort wie zum Beispiel den Jagdpächtern ab“, sagte Ulrich Möller, Landschaftsplaner bei der DEGES.

Handbuch mit Ergebnissen geplant

Um die regionale Vernetzung der Querungshilfen kümmert sich die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Seit 2010 arbeitet Projektleiter Björn Schulz in zwei, vom BfN geförderten Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben (E+E) daran, gemeinsam mit dem LBV.SH, den Landesforsten und vielen Akteuren aus Jagd und Naturschutz eine grüne Infrastruktur für Tiere und Pflanzen aufzubauen. „Die Erfolge der bundesweit ersten ökologischen Landschaftsanbindung von Querungshilfen in Kiebitzholm über die A21 haben uns von der Idee überzeugt“, erklärte Schulz. „Nun geht es bis 2017 darum, auch die Querungshilfen bei Brokenlande und Bad Bramstedt zu funktionierenden Wanderwegen für Tiere auszubauen und den Raum zwischen A7 und A21 miteinander zu vernetzen.“

Ergebnisse aus dem Forschungsvorhaben fließen in ein Handbuch zur Wiedervernetzung ein. „In Zukunft müssten die Planungen für Verkehrswege und die Biotopverbundplanungen eng miteinander abgestimmt und verzahnt werden. In Schleswig-Holstein haben wir mit dem E+E-Vorhaben die Weichen gestellt, jetzt sind Politik und Verwaltung gefragt, dauerhafte Module zu etablieren“, so Schulz.

Das E+E-Projekt „Wiedervernetzung“ – grenzenlos unterwegs

Mehr als 230.000 Kilometer Straßen ziehen sich quer durch Deutschland – für große und kleine Wildtiere oft unüberwindbar. Das Straßennetz zerschneidet Lebensräume, beschränkt die natürlichen Wanderungen der Tiere und hemmt den genetischen Austausch. Abhilfe schaffen sogenannte Grünbrücken über Autobahnen, Ottertunnel und andere Querungshilfen. Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein als Projektträgerin des E+E-Vorhabens „Wiedervernetzung“ will zusammen mit den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, dem DJV, dem Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr, dem Wildpark Eekholt sowie dem Institut Natur- und Ressourcenschutz der Universität Kiel neue Wegenetze für Tiere und Pflanzen schaffen.

Zwischen 2010 und 2013 haben die Partner bei Kiebitzholm an der A21 bundesweit erstmalig Querungshilfen mit Naturschutzflächen in der Umgebung erfolgreich vernetzt. Bis 2017 stehen die im Zuge des Ausbaus der A7 gebauten Querungshilfen und der Raum zwischen den Autobahnen im Fokus mit dem Ziel, die Lebensräume um die Grünbrücken bei Bad Bramstedt und Brokenlande miteinander und mit denen bei Kiebitzholm zu vernetzen. Finanziert wird das Projekt vom BfN mit Mitteln des Bundesumweltministeriums. www.wiedervernetzung.de