"Es sind Menschen, die die Projekte machen"

‚Jäger sind keine Naturschützer‘ und ‚Jagd ist kein Naturschutz‘. Das hört man oft von Jagdkritikern und auf Fundraising-Ebene der Naturschutzlobby. Ein Projekt im Bremer Blockland zeigt einmal mehr: Wo Jagd und klassischer Naturschutz Hand in Hand arbeiten, profitiert nicht nur die Artenvielfalt sondern auch das menschliche Miteinander.

Bremer Blockland: EU-Vogelschutzgebiet mit Unterstützung der lokalen Jägerschaft (Quelle: LJV Bremen)
Bremer Blockland: EU-Vogelschutzgebiet mit Unterstützung der lokalen Jägerschaft (Quelle: LJV Bremen)

DJV-Interview mit Projektleiter Marcus Henke, Vizepräsident der Landesjägerschaft Bremen e.V.

In unserer Kulturlandschaft haben es Wiesenvögel und Niederwild schwer. Eine intensive Landnutzung und zusätzliche Verluste durch Fressfeinde führen in vielen Regionen Deutschlands zu dramatischen Bestandsrückgängen. Diese Erfahrung machten auch Jäger und Naturschützer im Bremer Blockland, einem bedeutenden EU-Vogelschutzgebiet mit seltenen Wiesenvogelarten. Die Landesjägerschaft Bremen initiierte ein Schutzprojekt in enger Abstimmung mit dem Gelege- und Kükenschutzaktivitäten des Bremer BUND. Durch ein Monitoring mit Wildkameras wurde der zunehmend negative Effekt von Beutegreifern bestätigt, allen voran des Fuchses. 2014 starteten eng verwoben ein Fangjagd-Projekt der Landesjägerschaft Bremen und ein Monitoring-Projekt der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Zu ersten Ergebnissen und weiteren Planungen befragte der DJV den Projektleiter des LJB-Fangjagdprojektes Marcus Henke, Vizepräsident der Landesjägerschaft Bremen.

DJV: Die Zusammenarbeit zwischen Naturschützern und Jägern funktioniert gut. Wie positioniert sich eine Naturschutzorganisation wie der BUND zur Prädatorenbejagung durch die Jäger?

Henke: Die Interessen liegen ja erst mal sehr eng beieinander. Der BUND steht für 10 Jahre Wiesenvogelschutz im Bremer Blockland. Und das mit Erfolg. Seit 2005 konnten so die Bruterfolge der Wiesenvögel wesentlich verbessert werden. Mit fast 500 Paaren – und das sind in erster Linie Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Rotschenkel und Kiebitz – scheint sich seither die Population der Wiesenbrüter im Blockland fast verdoppelt zu haben. Während durch Erfahrung und eine enge Kooperation mit der Landwirtschaft heute Verluste durch Bewirtschaftung weitgehend ausgeschlossen werden können, machen laut BUND die Fressfeinde noch Sorgen. Hier kommt die Landesjägerschaft ins Spiel. Die Erfolge des Gelege- und Kükenschutzes stützen wir durch gezielte Fangjagdmethoden für unsere Raubsäuger, allen voran den Fuchs. Laut BUND Bremen nützt das größte Bemühen wenig, wenn räuberische Arten Eier und Küken fressen – und das sehen wir Jäger im Prinzip genauso.
 

Wie hat sich nach Beginn der Fangjagd die Anzahl erfolgreicher Bruten der Wiesenvögel im Bremer Blockland entwickelt?

Hier ist es noch viel zu Vizepräsident des LJV Bremen Marcus Henkefrüh für verlässliche Aussagen. Der BUND stellte im Jahr 2014, dem Startjahr unseres Fangjagd-Projektes, erstmals eine erfreulich hohe Reproduktionsrate von durchschnittlich 0,9 bis 1,1 Küken pro Brutpaar fest. Doch verringerte sich diese wieder im Folgejahr. Welche Faktoren ausschlaggebend sind, lässt sich heute noch nicht sagen.

„Die Anfangserfolge machen uns Mut.“
 

Zwei Dinge sind jetzt maßgeblich wichtig um einen Zusammenhang herstellen zu können. Es kommt darauf an, eher mit vielen Fallen eng verteilt zu arbeiten als mit einigen wenigen gut fangenden Fallen hier und da im Revier. Zudem benötigen wir noch mehr Erfahrungswerte, wie Prädationsvorgänge bei den Wiesenvögeln ablaufen. Hier liefern die hiesigen Monitoringdaten der Fuchstelemetrie wie auch die Monitoringdaten des BUND ganz wichtige Informationen. Erste belastbare Aussagen werden wohl erst in drei bis fünf Jahren vorliegen können. Die Anfangserfolge machen jedenfalls Mut. Alle Beteiligten wollen, dass es weitergeht.

Manche Experten sagen für eine effektive Bejagung muss der Ausgangsbestand der Fressfeinde bekannt sein, andere sind der Meinung ein Monitoring der Zielarten genüge. Wie kann der Bejagungserfolg nachgewiesen werden?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Nehmen wir nur mal den angenommenen Hauptprädator – den Rotfuchs. Wir haben durch die besenderten Füchse nun eine konkrete Vorstellung über die Größe und Lage der dazugehörigen Reviere im Untersuchungsgebiet. Wir haben nun „hochgerechnet“ und so nach einer bestimmten Methode die mögliche Anzahl von Füchsen im Projektgebiet ermittelt. Dieser Ansatz kann jetzt herangezogen werden. Andere wissenschaftliche Methoden zur Bestandsschätzung basieren beispielsweise auf der systematischen Auswertung von Wildkameras. Dazu haben wir aber weder Mittel noch Zeit. Wir stützen uns im Wesentlichen auf unsere Jagdstatistik für Raubsäuger, Erfahrungen und Beobachtungen, die Daten des Fuchsmonitorings und die mehrjährigen Daten des Gelege-Monitorings durch den BUND.

„Eine kleine Sensation: In drei Revieren waren wieder Rebhühnerketten unterwegs“
 

Ein positiver Bejagungseffekt lässt sich schließlich aus der Reproduktionsrate der Wiesenvögel, aus der Entwicklung der Niederwildarten und der Jagdstatisitk ableiten. Niederwildarten befinden sich seit Beginn der Fangjagdprojekte jedenfalls auf dem Vormarsch. Der Feldhase etwa kommt jetzt überall häufiger vor und der Fasanenbestand nimmt wieder zu. Pro Paar haben wir drei bis sieben flugfähige Jungfasanen beobachtet. Die Entenvögel hatten im letzten Jahr zumindest mit der Zweitbrut erfreulich hohe Erfolge. Eine kleine Sensation war, dass in drei unterschiedlichen Revieren im Projektgebiet wieder Rebhühnerketten auf Grünland unterwegs waren.

Effektive Fangjagd bedeutet einen hohen finanziellen Aufwand für die betreffende Jägerschaft. Wie könnte ein geeignetes Instrument aussehen, um mehr Jäger für die Ausübung der Fangjagd zu gewinnen?

Das A und O ist zunächst die schnelle Weitergabe der aktuellen Ergebnisse aus unterschiedlichen Prädatorenmanagement-Projekten an die Jägerschaften. Dazu gehören Finanzierungsmöglichkeiten ebenso wie Praxiswissen von Fangjagdspezialisten. Aber auch in den Jägerschaften gibt es tolle neue Lösungen, die sehr gut funktionieren. Ich könnte mir ein „Kompetenzzentrum Prädatorenmanagement“ vorstellen, das Informationen zu Fördermöglichkeiten, Fangjagdtechnologie und -methoden sowie Vermarktung von Bälgen bündelt und bereitstellt. Erfolgsrezepte ließen sich sofort anwenden und Fehlinvestitionen vermeiden. Aber dafür fehlen noch die Mittel.

Die Betonwipprohrfalle ist das Topmodell im Fangjagdprojekt – wie schneiden Kastenfallen ab?

Kock-KastenfalleGroße Kastenfallen ab 2 Meter Länge sind eine wirkliche Alternative. Besonders für den Einsatz auf Zwangswechseln - etwa über Gräben. Auf weichem Untergrund sind sie alternativlos und zeigen auch beim Altfuchs gute Fangerfolge. Wir haben mit einer Kock-Kastenfalle an einem Fangplatz innerhalb von vier Wochen aber auch über 30 Wiesel gefangen. Solche Fangplätze findet man nur durch Ausprobieren verschiedener Standorte. Kastenfallen lassen sich leichter transportieren und sind günstiger als Betonwipprohrfallen. Letztere sind nach wie vor das Nonplusultra in der Raubwildbejagung. Sie sind gut verblendbar, funktionieren für zahlreiche Arten, sind extrem langlebig und störungsarm. Wir arbeiten mit beiden Systemen und nutzen deren jeweilige Vorteile.

„Erfolge gemeinsam feiern, Misserfolge gemeinsam durchleiden […] es sind Menschen, die die Projekte machen“
 

Wie kann die erfolgreiche Arbeit des Schutzprojektes langfristig weitergeführt werden?

BetonrohrfalleAlle Beteiligten müssen Hand in Hand interdisziplinär zusammenarbeiten. Wir sind in einem ständigen Lern- und Erfahrungsprozess, in dem Erfolge gemeinsam gefeiert und Misserfolge gemeinsam erlitten werden. Es sind Menschen, die die Projekte machen. Und es sind Menschen, die zusammen etwas auf die Beine stellen und die Natur schützen und nachhaltig nutzen wollen. Ein laufender Informationsaustausch zwischen Landesjägerschaft, BUND, Umweltbehörden, Öffentlichkeit und Politik schafft ein Miteinander und bildet gemeinsame Ziele und Interessen ab. Das ist die Grundvoraussetzung. Weiter muss die Finanzierung gesichert sein. Das laufende Fangjagdprojekt wird durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die ländliche Entwicklung (ELER) gefördert. Werden die Projektziele erreicht, besteht Aussicht auf weitere Förderung. Wichtig ist, dass langfristig gearbeitet wird und dass das hohe Interesse am Schutz der Zielarten und der Förderung unserer Niederwildarten stets erhalten bleibt. Läuft die finanzielle Förderung irgendwann einmal aus, bleiben natürlich die Fallen, die Erfahrungen und die Akteure im Revier. Es bleibt also immer ein langfristiger Nutzen.