Wenn der Hund vors Auto läuft...

Vor wenigen Monaten sind wir umgezogen aufs Dorf und auch mein Pferd ist in einen neuen Stall gezogen. Dort habe ich mich mit den Mädels auf Anhieb gut verstanden und so dauerte es zu Beginn der Drückjagdsaison nicht lange, bis meine Stallfreundin Nathalie mich fragte, ob ich sie nicht mal mitnehmen würde zu einer Drückjagd.

#jaeben19 (Quelle: Knaup/privat)
#jaeben19 (Quelle: Knaup/privat)

Aus dieser Anfangs zögerlichen Idee entwickelte sich schnell ein fester Plan und ich telefonierte mit ein paar Revierleitern, ob ich meine Freundin zur nächsten Gesellschaftsjagd mitbringen dürfte. Am Abend bevor es losgehen sollte, waren wir zugegebenermaßen beide sehr aufgeregt. Was ziehen
wir überhaupt an? Meinst du es wird wirklich so kalt? Kann ich Kekse mitnehmen? „Auf jeden Fall sammel ich dich morgen super pünktlich um viertel vor sechs ein, nicht dass wir zu
spät kommen!!“ Am nächsten Morgen war ich natürlich spät dran. Kurz nach sechs fuhr ich am Stall auf den Hof. Nachdem ich meinem Pferdchen ein schnelles Morgenbussi auf die Nase gedrückt und wir alle Sachen im Jimny verstaut hatten, ging’s los. Erster Stop: Tanke. Ohne Kaffee und Energy geht garnichts, darum haben wir uns erstmal mit
Wegproviant eingedeckt. Dann ging’s in Richtung Harz. Den Wachtel im Kofferraum schuckelten wir los. Von der Autobahn runter auf die Landsraße war es regnerisch und nebelig. Einfach klassisches Ekelwetter. Je höher wir fuhren, desto nebliger wurde es. Das triste Grau tauchte den knorrigen Fichtenwald in eine mythische Atmosphäre und am Straßenrand häuften sich die ersten Schneereste, die nun nach einem langen Herbst endlich den Winter einläuteten. Ich bin ja so garkein Fan von Schnee… Nathalie dafür um so mehr. Darum beschlossen wir, einen kurzen Stop zu machen. Ich musste schließlich eh noch in meine dicke Drückjagdhose. Nachdem
auch der Wachtel sich nach der langen Autofahrt nochmal die Pfoten vertreten hatte, machten wir uns auf zum Sammelplatz.
Eine Viertelstunde später hatten wir bereits das Auto ordnungsgemäß am Sammelplatz geparkt und ich tüddelte all meinen Kram zurecht. Sehr aufmerksam ließ Nathalie sich alles erklären: Wie die
Ortungshalsung funktioniert, wozu die Schlagschutzweste gut ist, was nun alles auf uns zukommt. Wie sieht der Jagdschein eigentlich aus, und gibt es einen Schießnachweis, mit welchem man vorlegt, dass man das Schießen auch regelmäßig übt? Nach dem Anblasen und der Ansprache mitsamt Freigabe ging es los. Meine Freundin sollte die Standkarte verwalten, vorausgesetzt wir würden überhaupt was sehen. Ausführlich erklärte ich ihr, was es mit den Freigaben auf sich hatte. Die Begriffe „Schmaltier“ und „Knieper“ sagten ihr nichts und neugierig erfragte sie alles, was sie noch nicht wusste. Dass der Tag so spannend für uns werden würde, konnten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen…
Dort angekommen, richteten wir uns nun also auf unserem Drückjagdbock ein und beschlossen, dass es ein guter Zeitpunkt wäre zu frühstücken, bevor es richtig losgehen würde. Aufgeregt sprachen wir noch ein paar Verhaltensregeln auf dem Stand durch. Was machen wir, wenn
tatsächlich Wild kommt? Warum darf man während des Treibens den Stand nicht verlassen? Gerade hatten wir unser Brot ausgepackt, da stupste Nathalie mich an. Oben auf der Kuppe des Hangs links
neben uns schnürte ein Fuchs entlang. Der Stolz, dass sie das Stück Raubwild vor mir im Herbstlaub entdeckt hatte, war ihr anzusehen. Leider waren Füchse nicht freigegeben, und so blieb die Büchse wo sie war.
Kurz darauf ging es endlich los und die Hunde wurden geschnallt. Sorgfältig jagten die passionierten Standschnaller um uns herum die Dickungen durch und wir beobachteten auf der Ortung, was Schlumi im Buchenrauschen gerade anstellte… als sich rasch energisches Hundegeläut näherte. Zwei Stück Rehwild tauchten auf der Kuppe auf, nur um den Hang herunter spitz auf uns zu zu kommen. Ich hob die Waffe und versuchte, eines der beiden ins Glas zu bekommen. Etwa sechzig Meter vor unserem Stand sprangen die beiden auseinander, das eine zog den folgenden Hund mit, das andere flüchtete weiter in der Senke. Ich folgte dem Stück, bis es endlich verhoffte. Breit stand es dort, den Rotpunkt genau dort, wo ich die Kammer vermutete. Mit den Händen bereits auf den Ohren wartete Nathalie neben mir gespannt auf den Schussknall. Doch es blieb still und das Reh flüchtete weiter in den orangenen Herbstwald. Verwirrt schaute sie mich an, als ich die Waffe sinken ließ und die Anspannung des Moments von uns abfiel. „Warum hast du denn nicht geschossen? Das Reh stand doch dort!“
„Ja, aber leider wurde der Brustkorb von einem Baum verdeckt.“ Ich erklärte, dass man immer versucht, Herz und Lunge zu treffen, damit der Schuss so sicher und so schnell wie möglich tödlich wirken kann.
Im Laufe der nächsten dreiviertel Stunde kamen und noch einmal zwei Stücken Rehwild in Anblick, jedoch ohne, dass sich erneut eine Chance geboten hätte, das Wild zu beschießen. Und so saßen wir im nebligen, roten Herbstwald und erzählten leise, während das Hundegeläut der tapferen
Stöberhunde langsam in den fernen Harzhängen verhallte. Unbekannte Nummer ruft an. „Ja bitte?“ Ich bin es schon gewohnt, dass andere Hundeführer mich während des Treibens anrufen, wenn mein Hund bei Ihnen ist. Insbesondere, wenn es langsam auf Hahn in Ruh zugeht. Doch heute war es anders. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet, dass wir noch
eine gute Stunde Zeit hatten. „Wir haben Ihren Hund hier, der ist uns auf der Hauptstraße im Dorf vors Auto gelaufen!“ Mein Herz blieb eine Sekunde stehen. „Ist er okay?“ Die beiden Passanten am Telefon beruhigten mich. Sie hätten schnell genug bremsen können und anschließend wie selbstverständlich ihre Durchreise unterbrochen, um den Hund zu sichern.Tausend Steine fielen mir vom Herzen. Wir führten also ein paar Telefonate mit der Jagdleitung, packten unsere Sachen und hetzten zum
Auto. Am Auto angekommen schmissen wir alles in den Kofferraum um schnellstmöglich das verirrte Wachteltier einzusammeln. Nathalie schaute mich fragend an. „Sag mal, das große Messer an deinem Gürtel, meinst du nicht das solltest du vielleicht abmachen?“ Upsi. Jap, das Abfangmesser
sollte ich wohl besser abmachen. Wohlauf konnten wir Schlumi im Ort in Empfang nehmen. Gott sei dank war ihm nichts passiert. Gott sei dank waren die Finder so engagiert den Hund dort festzuhalten und gleich anzurufen. Gott sei dank waren die Finder so freundlich und hilfsbereit.
Erleichtert packten wir den müden Hund ins Auto und fuhren zum Streckenplatz, wo wir diesen spannenden Jagdtag bei einer warmen Suppe und Kakao am Lagerfeuer ausklingen ließen. Auf der Rückfahrt unterhielten wir uns über Jagdschulen, wie man den Jagdschein machen kann
und ob es möglich wäre, öfters mal mit zum Jagen zu kommen.
Bereits zwei Tage später haben wir die Wiesen am Schilf kontrolliert, geschaut ob frisch von den Sauen gebrochen war und einige schöne Fotos am Teich geschossen. Wir haben uns für eine Jagdmesse verabredet und uns gemeinsam die unterschiedlichen Waffen im Waffenschrank angeschaut. Haben zusammen mit dem Wachtel ein bisschen das Apportieren geübt und Fasane im Revier beobachtet. Und während ich hier am Küchentisch sitze und das Erlebte aufschreibe freue ich mich, dass uns in Zukunft vielleicht neben der Liebe für die Pferde auch die Passion für die Jagd verbinden wird. Und dass aus meiner Stallfreundin vielleicht bald auch eine Jagdfreundin wird.

Von Jana Knaup